Mario Ost - PostDoc am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE)


Wie kamst Du auf die Idee Ernährungswissenschaften zu studieren?

Auf einem kleinen Umweg. Nach dem Abitur mit dem Leistungskursen Biologie & Mathematik, habe zunächst ein Studium als Polizeikommissaranwärter begonnen. Zu Beginn des ersten Fachsemesters musste ich damals -im Rahmen des Studienfachs Kriminalistik- ein Referat zum Thema „DNA-Spuren“ ausarbeiten. Die Literaturrecherche zur Molekularbiologie hat mich dann sehr fasziniert und mein Interesse für die Naturwissenschaften wieder aktiviert. Ganz zum Leidwesen meiner damaligen Polizeikommilitonen/innen, die mit meinen ausführlichen Erläuterungen u.a. zur Genanalyse mittels Polymerase-Kettenreaktion (kurz PCR) ziemlich überfordert schienen. Wenige Wochen später habe ich mich für ein Studium der Humanbiologie beworben. Für die zweite Wahl Ernährungswissenschaften habe ich letztlich eine Zusage erhalten.

Wo hast Du Ernährungswissenschaften studiert?

Das Diplomstudium der Trophologie/Ernährungswissenschaften habe ich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena sowie am Experimental and Clinical Research Center (ECRC) der Charité Berlin am Campus Berlin-Buchabsolviert.

Hat Dir das Studium gefallen? Wenn ja, was hat Dir gefallen, was eher nicht?

Rückblickend kann ich sagen, dass mir das Studium der Ernährungswissenschaften in Jena - aufgrund der besonders naturwissenschaftlich und biomedizinisch Ausrichtung - sehr gefallen hat. Dabei wurden uns umfassende Grundlagen der Ernährung und des menschlichen Stoffwechsels sowie die Ursachen von ernährungsmitbedingten Erkrankungen vermittelt. Die interdisziplinäre Qualifikation in den Gebieten Biochemie und Physiologie, Humanernährung, Ernährungstoxikologie, Nutrigenomik, Stoffwechselbiochemie und Molekularbiologie, Lebensmittelchemie sowie damals noch Lebensmitteltechnologie haben mich immer begeistert.

Würdest Du nochmal studieren?

Um ehrlich zu sein, wahrscheinlich nicht! Nach meinen persönlichen Erfahrungen würde ich mich in einem nächsten Leben für das Studium der Humanmedizin und/oder Biochemie entscheiden.

Wo arbeitest Du und wie sieht ein normaler Arbeitstag/ Arbeitswoche bei Dir aus?

Seit 2,5 Jahren arbeite ich als Postdoc, sprich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke. Grundsätzlich gliedert sich eine normale Arbeitswoche in die klassische Büro-/Schreibtischtätigkeiten, tägliche wissenschaftliche Besprechungen sowie die experimentellen Arbeiten im Labor und Tierhaus, da wir neben humanen Bioproben auch Versuche am Mausmodell durchführen. Je nach Projektphase kann das sehr spannend und abwechslungsreich, jedoch auch oft sehr einseitig und sogar frustrierend sein.

Wie kam die Idee zur Promotion, über welches Thema hast Du promoviert?

Die Promotion war für mich der logische Schritt um anschließend die Leitung und Koordinierung wissenschaftlicher Forschungsprojekte zu übernehmen. Der Fokus meiner Promotion am DIfE lag auf tierexperimentellen Studien mit vielfältigen Schnittstellen zur angewandten/ klinischen Forschung. Wir stellten uns die Frage, wie sich Muskelzellen an erhöhte Stressbedingungen anpassen und diese überleben können. Wir wussten bereits, dass eine chronische Ineffizienz der Energieproduktion in den Zellen der Skelettmuskulatur zu einer Aktivierung des Stoffwechsels im gesamten Organismus führt und eine ineffiziente Energieproduktion in der Muskulatur bis zu einer bestimmten Dosis paradoxerweise mit einer Verbesserung von metabolischen Parametern, wie der Insulinsensitivität, und einer erhöhten Gesundheit sowie Lebenserwartung im Alter einhergeht. Meine Untersuchungen im Rahmen der Doktorarbeit konnten somit die außerordentliche Anpassungsfähigkeit der Skelettmuskulatur demonstrieren und verschiedene molekulare Signalwege der metabolischen Anpassung als sogenannte „Hungerantwort“ des Skelettmuskels identifizieren.

Was ist das Beste an Deinem Job? Würdest Du Dich wieder dafür entscheiden?

Das Beste an meiner aktuellen Position ist das eigenverantwortliche & kreative Arbeiten an interdisziplinären Forschungsprojekten und die Zusammenarbeit im Forschungsnetzwerk mit nationalen und internationalen Kooperationspartner. Auch die wissenschaftliche Betreuung / Mentoring von Doktoranden & Studenten macht mir viel Spaß und ich würde mich wieder für diesen Weg entscheiden. Dennoch, als Naturwissenschaftlerist diese spannende Phase im Berufsleben leider meist von befristeten Arbeitsverträgen geprägt. Im Gegensatz zur industriellen Forschung sind die Bedingungen für den sogenannten akademischen Mittelbau in Deutschland nicht optimal und die Optionen auf eine entfristete Anstellung als Nachwuchsgruppenleiter und/oder eine Professur begrenzt. Jedoch darf man sich davon auch nicht grundsätzlich entmutigen lassen.

Was empfiehlst Du Berufseinsteigern, die den Weg in die Forschung suchen?

Wer sich für den Bereich der biomedizinischen Forschung mit dem Schwerpunkt „Stoffwechsel- & Ernährung“ interessiert, sollte sich im Vorfeld über verschiedene Wege der Promotion informieren. Ein Graduiertenkolleg mit interdisziplinärer Ausrichtungim Rahmen eines thematisch fokussierten Forschungsprogramms bietet oft ein sehr strukturiertes Qualifizierungskonzepts und eine gute Option sich zu vernetzen. Sehr spannend finde ich auch die heute bereits von einigen Universitäten angebotenen MD-PhD/PhD-Programme in translationaler Biomedizin für Mediziner oder Naturwissenschaftsabsolventen. Ansonsten gilt es sich frühzeitig Gedanken über seine Interesse, Ziele sowie die alternativen beruflichen Optionen (der klassische Plan B) zu machen. Die industrielle Forschung bietet in Deutschland definitiv auch viele Möglichkeiten.

Was haltst Du für die größten Hürden in unserem Fachbereich?

Ich sehe eine paradoxe Situation, wonach die interdisziplinäre Ausrichtung des Fachbereichs Ernährungswissenschaft einerseits die große Stärke, jedoch auch meiner Ansicht nach gleichzeitig ihr größtes Problem darstellt. Denn die Akzeptanz im wissenschaftlichen Berufsfeld ist nicht mit etablierten Fachrichtungen wie der Biochemie & Lebensmittelchemie, Molekularbiologie und natürlich der Humanmedizin vergleichbar. Zwar ist es nicht überraschend, dass sich die Lehrinhalte an verschiedenen Universitäten oft stark unterscheiden, doch fällt es dadurchumso schwerer die Ausbildung der Ernährungswissenschaftler/innen im Ganzen einzuordnen.

Viele ErnährungswissenschaftlerInnen wollten eigentlich Medizin studieren. Ist die Ernährungswissenschaft eine gute Alternative? Wo liegen Schnittstellen, wo Grenzen?

Die klassische Lehre der Ernährungswissenschaft fokussiert vor allem auf der Prävention von Erkrankungen, während die Medizin die Diagnostik und Therapie des Patienten zur Aufgabe hat. Natürlich spielt die Ernährung für die Therapie von Patienten eine große Rolle, jedoch sehe ich hier eine klare Grenze im Aufgabenbereich zwischen Ärzten und Wissenschaftlern. Ziel sollte es sein, dass die Ernährungswissenschaft keine „Alternative“, sondern eine gute und notwendige Ergänzung zur Schulmedizin darstellt. Der Forschungsbereich der translationalen Biomedizin ist denke ich die Schnittstelle, in der (Ernährungs-)Wissenschaftler und Mediziner aufeinander treffen und voneinander profitieren können.

Warum braucht die Welt Ernährungswissenschaftler*innen?

Die Ernährung spielt eine zentrale Rolle für unsere Gesundheit und bildet zusammen mit der körperlichen Aktivität die Grundlage für ein gesundes Altern. Viel Menschen sind sich dessen bewusst, aber nur wenige setzen das im Alltag bewusst und vor allem konsequent um.Dabei beobachtet man oft zwei Extreme: der Einfluss der Ernährung per se wird entweder unterschätzt oder stark überschätzt. Das Überangebot im Supermarkt wirkt erdrückend, verwirrend und muss mit Sorge betrachtet werden.


Ernährungswissenschaftler sollten dabei helfen, den Hype um die „richtige“ Ernährung zu regulieren und über offensichtliche Irrtümer aufzuklären. Unsere Kinder sollten den Unterschied zwischen Lebens- und Nahrungsmittel lernen und verstehen. In Zukunft werden auch Fragen zur Nachhaltigkeit der Lebensmittelproduktion von immer größerer Bedeutung werden. Um die Bedeutung der Ernährung in der Prävention und Therapievon Erkrankungen zu stärken, müssen wir zunächst die physiologischen und molekularen Prozesse besser verstehen. Das sehe ich alseine zentrale Aufgabe der Ernährungsforschung.

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