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KI und Meinungsbildung: „Die KI ist keine Naturgewalt“ – vier Fragen an Clara Helming von AlgorithmWatch

vor 40 Minuten
4 Min. Lesezeit

Wie verändert sich Meinungsbildung, wenn Menschen Informationen zunehmend über Chatbots und KI-generierte Übersichten erhalten? Clara Helming, Senior Policy Managerin bei AlgorithmWatch, spricht im Interview über Verzerrungen in KI-Antworten, fehlende Transparenz, den Zugang zu Plattformdaten und darüber, warum wir der technologischen Entwicklung nicht hilflos ausgeliefert sind.


Das Interview mit Clara Helming ist eine von vier fachlichen Perspektiven in unserem Paper „KI x Ernährung – Wie die KI über Ernährung spricht und was Fachleute jetzt tun können“, erschienen am 16.09.2026.


Dr. Maren Podszun

Clara Helming ist Senior Policy Managerin bei AlgorithmWatch. Sie ist damit die Expertin für politische Themen wie die Plattformregulierung sowie für KI in der öffentlichen Meinungsbildung. AlgorithmWatch ist eine gemeinnützige, politisch und konfessionell unabhängige Organisation mit Sitz in Berlin, die untersucht, wie algorithmische Entscheidungssysteme funktionieren und wie sie auf Menschen und Gesellschaft wirken. Sie entwickelt eigene Analysetools, macht auf Diskriminierung und Missbrauch durch automatisierte Systeme aufmerksam und arbeitet an Regeln, die Transparenz, Nachvollziehbarkeit und demokratische Kontrolle sicherstellen.

KI und Meinungsbildung: Vier Fragen an Clara Helming

NUTRITION HUB: AlgorithmWatch beobachtet seit Jahren, wie automatisierte Systeme und KI in unseren Alltag eingreifen. Kannst du kurz umreißen, worum es euch dabei geht und warum das gerade jetzt so relevant ist?

CLARA HELMING: AlgorithmWatch ist eine gemeinnützige Nichtregierungs- organisation in Berlin und Zürich. Wir setzen uns dafür ein, dass automatisierte Entscheidungssysteme und KI Gerechtigkeit, Demokratie, Menschenrechte und Nachhaltigkeit stärken, statt sie zu schwächen. Unser Ziel ist es, dass wir alle – und nicht nur wenige – von Technologien profitieren. Der KI-Boom macht diese Arbeit gerade jetzt besonders relevant. Für diesen Boom werden ressourcenintensive Rechenzentren gebaut und Risiken für die Demokratie und unsere Grundrechte in Kauf genommen, während es weiterhin an ausreichender Transparenz und wirksamer Regulierung fehlt. Zudem konzentriert sich immer mehr Macht bei wenigen, meist US-amerikanischen Tech- Konzernen, die dadurch großen Einfluss auf unser Leben bekommen.


NUTRITION HUB: Thema öffentliche Meinungsbildung: Was kann passieren, positiv wie negativ, wenn Menschen sich zunehmend über Chatbots informieren, gerade bei Alltagsthemen wie Ernährung und Gesundheit?

CLARA HELMING: Forschung ist sehr wichtig, um zu verstehen, wie automatisierte Systeme genau funktionieren und welche Interventionen nötig sind um Menschen zu schützen. Eine der wichtigsten Neuerungen des Digital Service Acts (DSA) ist, dass Forschende jetzt einen gesetzlich garantierten Zugang zu bestimmten Daten großer Online-Plattformen erhalten – zumindest in der Theorie. Welche Daten für Forschende relevant sind, hängt von der Fragestellung ab. Wir forschen beispielsweise seit Jahren dazu, welche Ausgaben Chatbots und KI-Übersichten zu Wahlen geben und wollen daher mehr über das Nutzungsverhalten von echten Menschen in Deutschland wissen, also z. B. wie viele Menschen KI nutzen um sich zu Wahlen zu informieren und welche Suchbegriffe sie dabei nutzen. Gemeinsam mit anderen Organisationen haben wir auch schon versucht Informationen dazu zu finden, welche Posts auf unterschiedlichen Social Media Plattformen gerade viral sind und am meisten gesehen werden.

Leider funktionieren diese Zugangsmechanismen in der Praxis nicht gut. Wir und viele andere Forschende haben bisher noch nicht Zugang zu den Daten, die wir brauchen, um Plattformen tatsächlich zur Rechenschaft ziehen zu können.

Forschende müssen also hinter die Fassade von Unternehmen blicken dürfen und mit echten Live-Daten arbeiten können, um die Funktionsweise von Plattformen zu verstehen. Aus dieser Forschung lassen sich dann auch Empfehlungen für Regulierung ableiten. Für normale Nutzer:innen ist es hingegen vor allem wichtig, dass sie Entscheidungen von Plattformen nachvollziehen können, die sie direkt betreffen. Auch hierzu hat der DSA neue Regelungen eingeführt, die in der Praxis aber bisher ebenfalls nicht so viel Wirkung erzielen wie erhofft. Trotz all seiner Schwächen ist der DSA nach wie vor das derzeit beste Beispiel für eine Regelung zum Datenzugriff bei Online-Diensten und generell der ambitionierteste Versuch Regeln für Plattformen einzuführen.


NUTRITION HUB: Reicht Regulierung, um mit dem Tempo der KI-Entwicklung Schritt zu halten? Was können Fachkräfte oder Verbraucher:- innen selbst tun, um sich nicht in die Irre führen zu lassen?

CLARA HELMING: Diese Frage nach dem Tempo lässt KI erscheinen, wie eine Naturgewalt, die über uns hereinbricht. Das ist sie nicht.


"Als Verbraucher:innen und Bürger:innen

sollten wir uns klar machen, dass KI kein Hexenwerk ist,

sondern eine Technologie, die wir wie jede andere

aktiv gestalten können."

– Clara Helming, AlgorithmWatch


Wir sind der technologischen Entwicklung nicht hilflos ausgeliefert und sollten von unseren Regierungen fordern, dass sie Big-Tech-Unternehmen in die Schranken weisen. Regulierung, wenn sie gut gemacht ist und demokratisch legitimiert, ist ein Ausdruck von Gestaltungsmacht und dem Willen, technische Entwicklungen im Sinne des Gemeinwohls zu gestalten. KI-Entwicklung findet schon jetzt nicht im rechtsfreien Raum statt, auch wenn sich viele Big-Tech-Unternehmen so verhalten.

Damit sie mit der KI-Entwicklung Schritt halten kann braucht es eine ambitionierte Umsetzung und Kontrolle bestehender Gesetze. Natürlich kann man nicht alle Probleme „wegregulieren“, auch wenn Regulierung ein wichtiger Baustein ist. Zusätzlich braucht es etwa Investitionen in Medienkompetenz und Journalismus und einen funktionierenden Forschungsdatenzugang.

Über diesen Beitrag:

Interviewauszug aus dem Nutrition-Hub-Paper „KI × Ernährung“. Hier das gesamte Paper "KI x Ernährung" lesen und herunterladen.


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