KI x Ernährung: Wie KI über Ernährung spricht und was Fachleute jetzt tun können
Aktualisiert: vor 1 Stunde
KI verändert, wie Ernährungswissen gesucht, zusammengefasst und vermittelt wird. Unser neues Paper „KI x Ernährung“ verbindet die Ergebnisse aus dem aktuellen Milch KI-Monitor mit der Einordnung von vier KI-Expert:innen und einem Praxis-Toolkit für Fachleute und Organisationen.
Warum KI für Ernährungswissen relevant wird
Wir stehen an einem technologischen Wendepunkt, aber anders als bei früheren Umbrüchen bleibt uns diesmal kaum Zeit, in Ruhe zu beobachten. 76 Prozent der Menschen in Deutschland erwarten laut Bitkom Research, dass KI die Gesellschaft in den kommenden fünf Jahren spürbar verändert. Eine Einschätzung, die wir teilen und die uns nicht nur zuversichtlich stimmt.
Über KI-Kompetenz wird derzeit unfassbar viel, aber vor allem allgemein gesprochen. Was fehlt, ist die Übersetzung in einzelne Fachbereiche. Dabei ist die KI für die Ernährungstransformation besonders relevant, denn sie ist zu großen Teilen Kommunikationsarbeit. Und ein wachsender Teil dieser Kommunikation läuft künftig über Systeme, deren Antworten davon abhängen, welches Wissen online sichtbar ist. In der Fachwelt begegnen uns ganz persönlich bisher zwei Reaktionen: Einmal die Sorge, ersetzt zu werden und „Das kann die KI auch?", wenn eine Antwort überraschend gut ist. Beides ist nachvollziehbar, voran bringt uns nur der Weg irgendwo dazwischen.
In diesem Sinne: Lasst uns den Weg gemeinsam gehen!
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Klingt gut, aber stimmt das auch?
Millionen Menschen fragen KI-Systeme, was sie essen, was sie ihren Kindern kochen, was sie in den Einkaufswagen legen sollen. Sie alle bekommen Antworten, die plausibel klingen, fast wie aus einem Lehrbuch. Aber: Sie stammen aus keinem Lehrbuch. Sie stammen aus dem, was im Internet am häufigsten geteilt wurde und für die KI lesbar war. Zugeschnitten wird die Antwort dann auf das, was die fragende Person vermutlich hören will.
Auch in der ärztlichen Versorgung und der Ernährungsberatung und -therapie ist die KI längst angekommen. Patient:innen sitzen mit einem Vorwissen im Termin, das sie sich vorab im Chat
geholt haben und das erst einmal sortiert werden will.
Was im Gespräch mit Patient:innen schnell sichtbar wird, gilt inzwischen für alle Fachleute, die sich im Bereich Ernährung und Gesundheit bewegen. Zwischen jeder Leitlinie, jeder Kampagne, jedem Lehrmaterial und den Menschen, die sie erreichen sollen, liegt eine neue Instanz. Sie fasst zusammen, gewichtet und lässt weg. Sie nennt nicht immer, woher sie es hat. Wer kommuniziert, aufklärt oder Empfehlungen ausspricht, tut das häufig nicht mehr direkt, sondern durch dieses Zwischenglied hindurch. Und damit wir die KI sinnvoll einsetzen können, muss man verstehen, wie sie vorgeht.
Genau dafür liefert der Milch KI-Monitor die Grundlage: Das Datenjournalismus-Team von tactile.news hat gemeinsam mit dem Experten Hendrik Haase im Auftrag der Initiative Milch
gemessen, wie generative KI über das Alltagsthema Ernährung spricht – am Beispiel Milch.
In diesem Experiment wurde sichtbar, wo die KI verlässlich ist, wo sie laviert und wie stark sie sich der fragenden Person anpasst. Dieses Paper stellt genau diese Befunde vor, ergänzt sie um
einige spannende Aussagen aus aktuellen Studien und Befragungen und übersetzt sie in die tägliche Arbeit von Fachleuten und Akteur:innen, die über Ernährungs- und Gesundheitsthemen kommunizieren.
Warum ist das nötig? Fest steht: Deutschland kommt an einem Umbau seines
Ernährungssystems nicht vorbei. Laut WWF entstehen rund 25 Prozent der klimawirksamen Emissionen bei Herstellung, Vermarktung und Zubereitung von Lebensmitteln. Jährlich
landen allein hierzulande rund 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Und die Folgekosten von Adipositas belaufen sich laut Deutscher Adipositas Gesellschaft (DAG) auf etwa 63 Milliarden Euro pro Jahr. Handlungsbedarf ist an vielen Ecken da.
Um diese Herausforderungen der Zukunft anzugehen und ins Handeln zu kommen, braucht es Diskurs, Innovation und ein wertschätzendes Klima im Aushalten anderer Perspektiven. Ein
System, das gesünder und nachhaltiger werden soll, verändert sich aber nicht über Zahlen allein. Ob evidenzbasiertes Ernährungswissen also in den Antworten der KI vorkommt, entscheidet mit darüber, ob die Transformation hin zu mehr Gesundheit und Nachhaltigkeit
gelingt.
Wo wir beim Thema KI stehen
Ernährung bewegt fast alle: Laut der repräsentativen Studie „Meine, deine, unsere?" von More in Common im Auftrag der Robert Bosch Stiftung, für die im Oktober 2024 rund 2.020 Menschen befragt wurden, denken 84 Prozent häufig oder gelegentlich bewusst darüber nach, wie sie sich ernähren. Für die meisten kommt Essen aus Küchentradition, Herkunft und Familie und liegt damit dicht an der eigenen Identität.
Genau das macht das Thema heikel. 70 Prozent erleben die öffentliche Ernährungsdebatte als spaltend, 42 Prozent sehen darin sogar ihren eigenen Lebensstil angegriffen. Und die
Abwertung läuft in alle Richtungen: 56 Prozent haben eher negative Gefühle gegenüber Veganer:innen, umgekehrt 70 Prozent der pflanzlich Essenden gegenüber Menschen, die
täglich Fleisch essen. 55 Prozent beziehen ihr Wissen aus dem persönlichen Umfeld, nur vier Prozent aus Fachpublikationen. Je weiter eine Quelle vom Alltag entfernt ist, desto weniger Einfluss hat sie offenbar auf die Menschen. Der Wille zur Veränderung ist dabei durchaus da: 64 Prozent halten Veränderungen für nötig.
KI als bevorzugte Recherchequelle: Laut KI-Studie aus dem Jahr 2025 des TÜV-Verband nutzen 65 Prozent der Menschen in Deutschland generative KI, bei den 16 bis 29-Jährigen sind es sogar 91 Prozent; rund die Hälfte spricht dabei per Sprachsteuerung mit ihr wie mit einer echten Person.
Der entscheidende Unterschied zu den anderen Quellen: Die KI liefert kein Verzeichnis zum Selbst-Sortieren, sondern fasst alle Informationen zusammen. Das Ergebnis: ein gut klingendes, fertiges Urteil; bequem, schnell und rund um die Uhr verfügbar. So ist eine neue Infrastruktur der Meinungsbildung entstanden.
Wie relevant diese neue Infrastruktur ist, zeigt auch eine repräsentative Befragung, die die Initiative Milch gemeinsam mit YouGov durchgeführt hat. An der Befragung haben zwischen dem 30. April und dem 6. Mai 2026 insgesamt 1.004 Eltern sowie 509 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 34 Jahren teilgenommen. In beiden Gruppen liegt die KI auf Platz drei der meistgenannten Informationsquellen zum Thema Ernährung. Bei den befragten jungen Erwachsenen nennen sie 26 Prozent, bei den befragten Eltern 21 Prozent, jeweils häufiger als die Nennung von Ärzt:innen, klassische (Print-)Medien oder der Ernährungsberatung. Nur zwei Quellen liegen bei den meistegenannten Informationsquellen noch davor: soziale Medien sowie Familie und Freunde.
Bemerkenswert ist vor allem das Vertrauen: Unter denen, die KI bereits nutzen, halten 82 Prozent der jungen Erwachsenen und 92 Prozent der Eltern die KI-Antworten zum Thema Ernährung für vertrauenswürdig. Zugleich ist vielen dieser Nutzer:innen bewusst, dass die KI nicht immer neutral antwortet: Fast die Hälfte (48 Prozent der jungen Erwachsenen, 41 Prozent der Eltern) nimmt häufig wahr, dass die KI ihnen nach dem Mund redet. Zwischen diesen beiden Werten liegt kein Widerspruch. Wer die Zustimmungstendenz bemerkt, fragt deswegen nicht seltener. Vertrauen und Skepsis bestehen nebeneinander.
Die eigentliche Frage ist also nicht ob, sondern wie wir die Technologie nutzen wollen. Im Kern wiederholt sich ein Muster das wir schon von den sozialen Medien kennen: Auch dort priorisieren Algorithmen Aufmerksamkeit, nicht wissenschaftliche Qualität. Reichweite und Evidenz fallen so auseinander. Die generative KI verschärft dieselbe Frage nur auf einer neuen
Stufe: Sie fasst nicht bloß zusammen, was kursiert, sondern spricht ihr Urteil mit der Autorität einer scheinbar neutralen Instanz.
Milch KI-Monitor: Die Ergebnisse
Der Milch KI-Monitor hat KI-Antworten auf Fragen rund um das Thema Ernährung am Beispiel Milch ausgewertet, die an vier gängige Chatbots (Claude Sonnet 4.6, GPT-5.4, Gemini 3 Flash,
Grok 4) gestellt wurden. Dabei wurden bewusst die kostenfreien Versionen genutzt, um
die Nutzungsrealität der meisten Menschen abzubilden. Die Fragen wurden nicht von einem anonymen Account aus gestellt, sondern mit sechs erstellten Profilen verknüpft. Fünf davon
waren nach echten Menschen modelliert und spiegeln Lebenswelt, Haltung und Sprechweise, von der milchskeptischen Studentin aus Berlin bis zur Familie auf dem Land. Eine sechste,
bewusst leere Persona diente als neutrale Kontrolle. Die verschiedenen Personas sind auf der folgenden Seite dargestellt.
So kommt auch die Gesamtzahl zustande: Jede der 143 Fragen wurde jeweils allen vier Chatbots aus Sicht aller sechs Profile gestellt. Daraus ergaben sich 3.432 Antworten zur Auswertung. Dieser Aufbau eröffnet die Frage, ob die KI allen dasselbe antwortet oder ob sich die Antwort mit der fragenden Person verändert.
Ausgewertet wurde in zwei Stufen, jeweils KI-gestützt und von verschiedenen Fachleuten gegengeprüft. Ein Bias-Check maß für jede Antwort das Sentiment, also den Grundton, auf einer Skala von −12 (durchweg negativ) bis +12 (durchweg positiv). Ein Fakten-Check zerlegte die Antworten in einzelne Behauptungen und prüfte diese gegen gesicherte Quellen wie DGE, BfR und EFSA; am Ende stand hinter jeder Aussage ein Urteil von „korrekt" bis „falsch". Wo die KI zweifelhafte Fälle markierte, sahen Expert:innen noch einmal manuell darüber. Der Milch KI-Monitor versteht sich als Experiment ohne Peer-Review Prozess oder Anspruch auf Repräsentativität.
BEI NÄHRSTOFFFAKTEN SIND DIE MODELLE VERLÄSSLICH: Von 93 geprüften Aussagen sind knapp 84 Prozent richtig oder weitgehend richtig, keine einzige ist komplett falsch. Antworten zu ernährungsphysiologischen Themen sitzen: Bei der biologischen Wertigkeit von Milchprotein, der Calcium-Bioverfügbarkeit in Kuhmilch und dem Vitamin-B12-Gehalt decken sich die Angaben aller vier Modelle mit den Werten von DGE und EFSA. Die gefürchteten frei erfundenen „Halluzinationen" treten hier nicht auf. Bei etablierten Fakten steht die KI somit auf solider Datenbasis.
BEI FRAGEN ZUM LEBENSSTIL SINKT DIE QUALITÄT MERKLICH: Bei Ernährungstrends und Fragen zum Lebensstil sind zwar fast 81 Prozent der Aussagen richtig oder weitgehend richtig, doch nur 7 von 31 sind komplett richtig; 18 Aussagen sind „im Kern korrekt mit Einschränkungen" und sechs Aussagen sind “teilweise richtig”. Die Modelle werden hier nicht falsch, sondern unklar: Sie liefern freundlich formulierte Antworten ohne wissenschaftliche Einordnung und stützen sich eher auf Trends aus dem Netz als auf Leitlinien der Fachgesellschaften.
BEI FRAGEN ZU KLIMA, TIERWOHL UND HALTUNGSFORMEN ZEIGEN SICH FEHLER: Bei Branchenfragen zu Klima, Tierwohl und Haltungsformen fällt die Quote auf knapp 79 Prozent und hier sitzen fast alle echten Fehler des Datensatzes: 24 Aussagen sind irreführend, 9 objektiv falsch. Wie das konkret aussieht, zeigen drei Fälle aus dem Faktencheck. So behauptet ein Modell, „industrielle Milch enthält oft Hormone und Antibiotika-Rückstände". Dies ist eine pauschal falsche Aussage, denn synthetische Wachstumshormone (rBST) sind in der EU seit 1999 verboten und Antibiotika-Beanstandungen liegen laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit bei unter 0,1 Prozent. An anderer Stelle heißt es, „etwa 20 bis 30 Prozent des Futters für Milchkühe in Deutschland stammt aus Soja". Tatsächlich haben andere Eiweiß-Alternativen für Milchkühe wie Raps, heimische Ackerbohnen, Erbsen und Lupinen Soja überholt und ergänzen das Grundfutter aus beispielsweise Gras, Heu und Maissilage. Ein anderes Modell schreibt Kühen über 30.000 Liter
Milchleistung pro Jahr zu und reißt diese Zahl damit aus einem anderen Zusammenhang. Hierzulande sind rund 9.445 Liter realistisch.
DIESELBE FRAGE FÜHRT ZU UNTERSCHIEDLICHEN ANTWORTEN, JE NACHDEM, WER FRAGT: 72 Prozent der Antworten fielen für eine milchskeptische und eine milchaffine Persona unterschiedlich aus. Die Negativquote schwankte zwischen 28 Prozent bei Yvonne, die auf einem Bauernhof lebt, und knapp 49 Prozent bei Klara, der vegetarischen Studentin aus Berlin. Die Modelle reagieren dabei verschieden stark: Bei Gemini liegen circa 42 Prozentpunkte zwischen den Personas, bei ChatGPT nur 10. Stark ist die KI also bei etablierten Fakten, beim Strukturieren, Erklären und Übersetzen. Schwach ist sie dort, wo die Facharbeit beginnt: bei der Individualisierung, beim Einbeziehen des konkreten Kontexts, bei der Übersetzung von Leitlinien, im Erkennen regionaler Besonderheiten und bei der
Unterscheidung, was aktueller wissenschaftlicher Konsens und was Meinung ist.
Dies ist ein Auszug aus dem Paper KIxErnährung - hier das PDF herunterladen:
Ein Blick ins Paper "KI x Ernährung"
Anfragen & Pressekontakt: Roxanna Rokosa: roxanna@nutrition-hub.com
Transparenzhinweis
Dieses Paper basiert auf den Ergebnissen des Milch KI-Monitors, einer systematischen Auswertung generativer KI-Antworten zu Milch, Ernährung und Landwirtschaft. Das Projekt verantwortet Kerstin Wriedt, Ökotrophologin und Geschäftsführerin der Initiative Milch 2.0 GmbH. Sie hat Nutrition Hub gebeten, die Sicht der Ernährungswissenschaft in die Konzeption, Auswahl der Prompts zu Ernährungsfragen sowie der Bewertung der Antworten einzubringen. KIxErnährung denkt die Befunde des Milch KI-Monitors für Ernährungs- und Gesundheitsfachkräfte weiter.
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