KI und Ernährung: Wie verlässlich sind KI-generierte Ernährungspläne? Vier Fragen an Dr. Maren Podszun
Wie gut können KI-Chatbots Ernährungspläne erstellen und wo liegen ihre Grenzen? Dr. Maren Podszun, Ernährungswissenschaftlerin an der Universität Hohenheim, hat untersucht, wie gut ChatGPT und Gemini nährstoffdeckende Ernährungspläne erstellen können. Im Interview spricht sie über überraschende Ergebnisse, Risiken bei komplexeren Anfragen und darüber, was KI im Ernährungsbereich vertrauenswürdiger machen könnte.
Das Interview ist Teil unseres neuen Papers „KI x Ernährung – Wie die KI über Ernährung spricht und was Fachleute jetzt tun können“, erschienen am 16.09.2026.

Über Maren Podszun
Dr. Maren Podszun ist Ernährungswissenschaftlerin an der Universität Hohenheim, wo sie im Fachgebiet Biofunktionalität der Lebensmittel als Senior Researcher und Arbeitsgruppenleiterin forscht.
Nach ihrer Promotion war sie fünf Jahre als Postdoc an den National Institutes of Health in den USA. 2020 wurde sie mit dem GVF Vitamin Preis der Gesellschaft für angewandte Vitaminforschung ausgezeichnet. Für das Thema KI ist ihre Forschung ebenso relevant: Gemeinsam mit Prof. Dr. Simon Hammann (Uni Hohenheim) und Dr. Bettina Hieronimus (Max Rubner-Institut) hat sie 2024 untersucht, wie gut ChatGPT und Gemini nährstoffdeckende Ernährungspläne erstellen können.
Vier Fragen an Dr. Maren Podszun
NUTRITION HUB: Was wollten Sie mit der Studie herausfinden und was hat Sie als
Ernährungswissenschaftlerin an dieser Fragestellung gereizt?
DR. MAREN PODSZUN: Die Idee kam mir unmittelbar nach dem öffentlichen Zugang zu ChatGPT. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Tool für eine Vielzahl unterschiedlicher Zwecke getestet, darunter Reiseplanung, Routenoptimierung, Produktivitätssteigerung, Fitness und weitere Anwendungen. Unmittelbar stellte sich mir die Frage: Was ist mit Ernährungsplänen? Dies dürfte sicherlich ebenfalls gefragt sein, und es stellt sich die Frage, ob solche Pläne überhaupt sicher sind. Wir haben anschließend drei zunehmend restriktivere Ernährungsweisen getestet: omnivor, vegetarisch und vegan, um zu überprüfen, ob ChatGPT und damals Bard diese korrekt zuordnen können und wie umfassend die Nährstoffabdeckung ist. Gleichzeitig haben wir gezielt den Begriff „healthy“ in den Prompt eingebaut, um zu untersuchen, welche Definitionen von Gesundheit die KI eigentlich anwendet.
NUTRITION HUB: Wenn Sie das zentrale Ergebnis auf den Punkt bringen: Wie gut oder schlecht haben die Chatbots abgeschnitten und gab es einen Befund, der Sie selbst überrascht hat?
DR. MAREN PODSZUN: Die Chatbots haben bei den omnivoren Plänen äußerst positive Ergebnisse erzielt. Ausnahmen bilden hierbei Vitamin D und Fluoride; dies ist jedoch nicht unerwartet, da diese Nährstoffe auch in einem professionellen Ernährungsplan nur in geringen Mengen vorkommen. Bei Vitamin D spielt zudem die körpereigene Synthese über die Haut eine bedeutende Rolle. Unserem Auftrag, die Pläne möglichst gesund zu machen, kamen die Tools unserer Einschätzung nach auch nach. Sie waren eher pflanzenbetont, auch bei den omnivoren Snacks. Es waren keine Süßigkeiten, sondern eher Hummus mit Gemüse oder Obst. Wir waren damals überrascht, dass die Proteinmenge in allen Fällen überschritten wurde. Wir vermuten, dass dies möglicherweise auf den „High-Protein-Trend“ zurückzuführen ist, der in die Trainingsdaten eingeflossen ist. Zudem hat uns überrascht, dass Vitamin B12 bei den veganen Plänen nur teilweise zur Supplementation empfohlen wurde, obwohl wir betonten, dass die Pläne den Makro- und Mikronährstoffbedarf decken sollten. Bard, jetzt Gemini hat auch einige Milchprodukte in den veganen Plan eingebaut, was uns durchaus auch überrascht hat.
NUTRITION HUB: Welche Chancen und welche Risiken sehen Sie, wenn KI künftig stärker in die Ernährungskommunikation einzieht?
DR. MAREN PODSZUN: Bei einfachen Anfragen oder Anregungen für Ernährungspläne sehe ich kein Problem. Hierbei halte ich persönlich die Vorteile der ständigen, niedrigschwelligen Verfügbarkeit sowie der Kommunikation, die auch Rückfragen ermöglicht, für überlegen. Bei kritischeren Anfragen wie z. B. bei vulnerablen Gruppen sehe ich das Ganze kritischer. Wir haben in einem Folgeprojekt gezeigt, dass Tagespläne für Schwangere, die von Gemini erstellt wurden, im Schnitt ein Defizit von 500 Kilokalorien aufwiesen, was durchaus negative Einflüsse auf den Fötus haben kann. Viele andere, nicht nur wir, haben Probleme mit komplexeren Anfragen beobachtet. Wir haben dies in einer Übersicht zusammengefasst. Obwohl die Daten aufgrund unterschiedlicher Studienansätze begrenzt waren, war ein klarer Trend erkennbar: Je komplexer die Anfrage, desto häufiger traten Fehler und Ungenauigkeiten auf.
NUTRITION HUB: Ihre Studie nutzte ChatGPT-3.5 und Bard; die Modelle entwickeln sich rasant. Ist das Problem in den neueren Generationen gelöst? Und was müsste passieren, damit KI im Ernährungsbereich wirklich vertrauenswürdig wird?
DR. MAREN PODSZUN: Ich würde nicht sagen, dass das Problem mit den neueren Modellen gelöst ist, auch wenn diese deutlich besser geworden sind und häufig differenziertere Antworten liefern. Das grundsätzliche Problem bleibt bestehen: Eine KI kann sehr überzeugend klingen, auch wenn eine Information nicht ganz korrekt oder wissenschaftlich ausreichend belegt ist. Gerade bei Ernährung ist das schwierig, weil Empfehlungen oft von der individuellen Situation abhängen und auch die Studienlage nicht immer eindeutig ist. Damit KI im Ernährungsbereich vertrauenswürdig wird, müsste sie meiner Meinung nach stärker mit aktuellen und hochwertigen wissenschaftlichen Quellen arbeiten. Wichtig wäre auch, dass klar erkennbar ist, woher Aussagen stammen und wie sicher oder unsicher eine Empfehlung ist. Ich sehe KI deshalb vor allem als Unterstützung und weniger als Ersatz für eine professionelle Beratung. Neuere Modelle können Probleme reduzieren, aber nur weil ein Modell neuer oder besser ist, bedeutet das noch nicht automatisch, dass man seinen Antworten vollständig vertrauen kann.
Über diesen Beitrag:
Interviewauszug aus dem Nutrition-Hub-Paper „KI × Ernährung“. Das Gespräch mit Dr. Maren Podszun führte Henrik Böhme. Die Veröffentlichung im Nutrition Hub Journal wurde von Roxanna Rokosa redaktionell aufbereitet. Hier das gesamte Paper "KI x Ernährung" lesen und herunterladen.
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