Dr. Malte Rubach: Gibt es die Formel für ein langes Leben?

Bis 2030 prognostiziert das Statistische Bundesamt einen Anstieg des Anteils der deutschen Bevölkerung älter als 60 Jahre auf 35%; 2013 lag der Anteil bei 27%. Besonders die Zahl der Hochaltrigen, die 80 Jahre oder älter sind, wird von 4,4 Millionen im Jahr 2013 auf 6,5 Millionen im Jahr 2030 steigen – ein Anstieg um 48 %. Damit werden altersbedingte Erkrankungen des Bewegungsapparats sowie des Herzkreislaufsystems einen beachtlichen Anstieg verzeichnen. Gesund leben und sich frühzeitig um Prävention zu kümmern, also noch im erwerbsfähigen Alter oder am besten von Kindesbeinen an, wird in der kommenden Dekade ein wichtiger Baustein des Gesundheitswesens. Wir sprachen mit Dr. Malte Rubach, der sich mit der wissenschaftlichen Datenlage zum Thema Altern in seinem neuesten Buch beschäftigt hat.

Photo Credits: Ingolf Hatz

Wie kamst Du auf die Idee ein Buch über das Altern zu schreiben?

Ein Buchthema muss immer aktuell sein und letztlich muss auch von innen heraus eine Motivation da sein. Warum manche Menschen gesünder altern als andere, wurde mit zuerst während des Zivildienstes im Seniorenheim bewusst und hat mich seitdem immer wieder beschäftigt. Seit Jahren ist es auch ein gesellschaftlicher und weltweiter Megatrend, so dass es auch für Verlage interessant ist, dazu ein Buch zu veröffentlichen. Nachdem auch sehr viele Mythen zu dem Thema existieren, war dann der Zeitpunkt gekommen. Aus meiner Sicht höchste Zeit, Licht ins Dunkle zu bringen, denn vieles davon lässt sich kaum belegen oder ist in der Form überhaupt nicht spruchreif, auch wenn es sich für die LeserInnen solcher Bücher ohne Fachkenntnisse durchaus plausibel und natürlich vielversprechend anhört.


Wie bist Du vorgegangen bei der Recherche?

Ich habe mir erstmal angesehen, wo die Menschen am ältesten werden. Die Daten stehen von der Weltbank oder den Vereinten Nationen zur Verfügung. Dann habe ich mir die Konsummuster für sämtliche Lebensmittel in diesen Ländern seit den 60er Jahren angesehen und festgestellt, es gibt weder Lebensmittel, die besonders schnell oder langsam altern lassen, sondern es ist wichtig, dass überhaupt genug zu essen da ist und dass eine abwechslungsreiche Ernährung möglich ist. Was dann einzelne Aspekte von Nährstoffen betrifft und Auswirkungen auf die Gesundheit, das habe ich dann hauptsächlich durch Cochrane-Reviews bewertet. Für die Bewegung und wie sie sich möglichst effektiv im Alltag einbauen lässt, habe ich das Compendium of Physical Activities genutzt, um die metabolischen Äquivalente für Alltagsaktivitäten und Sport einmal in einem populärwissenschaftlichen Werk darzustellen. Da ist eigentlich für jeden was dabei. Wenn es ums Genießen und das Glück im Leben geht, habe ich den OECD Better Life Index und den World Happiness Report ausgewertet. Im Ergebnis steht, wer glücklich alt werden will, hat es - abgesehen von den staatlichen Fürsorgesystemen - im großen Maß selber in der Hand, wenn er oder sie sich um eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Alltagsbewegung kümmert.


Menschen lieben Listen, Formeln und Hacks. Nach Deiner umfassenden Recherche: Hast Du die Formel für ein langes Leben gefunden?

Die Formel ist: Das was wir essen, muss der Körper auch verbrauchen und Essen muss Spaß machen. Das heißt, Energie- und Nährstoffaufnahme müssen im richtigen Verhältnis zum Verbrauch durch Aktivität stehen. Und: Ohne Genuss geht gar nichts. Mit Genuss sind wir motivierter und bleiben auch am Ball, wenn es mal etwas Überwindung kostet selber zu kochen oder zum Sport zu gehen. Insgesamt bin ich überzeugt, dass damit auch für jeden Menschen der Lebensstandard steigt, das bedeutet ein glücklicheres Leben. Dazu kommen natürlich auch noch sämtliche andere Faktoren, die unseren Lebensstandard ausmachen, wie Gesundheits- und Sozialsysteme aber auch Gemeinschaft an sich. Das ist auch ein Punkt, der die Blue Zones auszeichnet, da dort oftmals noch große Familienverbände oder Dorfgemeinschaften leben. Aber auch im Kleinen kann das funktionieren. Bei M.R.EXPERT arbeiten meine Frau Marjorie und ich im Team. Sie macht Kommunikation und Marketing sowie Recherche im populärwissenschaftlichen Bereich und ich kümmere mich ums Schreiben und den wissenschaftlichen Bereich. Für gemeinsame Interessen findet man immer Gleichgesinnte, ob beruflich oder privat. Wenn das Lebensmittel und Ernährung sind, umso besser.


Welche Mythen rund ums gesunde Altern sind Deiner Meinung nach besonders hartnäckig?

Da gibt es einige. Zuerst habe ich mir wie gesagt die Muster im Lebensmittelkonsum seit 1961 der Länder angesehen, die weltweit derzeit die höchste Lebenserwartung haben. Dazu zählen unter anderem Japan, die Schweiz, Spanien, Italien, Norwegen und Australien. Deren Konsummuster sind so etwas von unterschiedlich, dass es höchst unseriös erscheint, bestimmten Lebensmitteln lebensverlängernde oder eben –verkürzende Wirkung andichten zu wollen. Das Gleiche trifft auch auf einzelne Nährstoffe zu, egal ob es um Protein, Fett, Kohlenhydrate oder Mikronährstoffe geht. Der Konsum von tierischem Protein etwa hat in den letzten 60 Jahren stark zugenommen. Das lässt sich auch mit Ausnahme von Afrika auf sämtlichen Kontinenten beobachten. Bei Fett ist es umgekehrt, da hat der Konsum pflanzlichen Fetts stark zugenommen, nur ausgerechnet in Japan und den mediterranen Ländern ist der Konsum tierischer Fette angestiegen. An einem Gewinn an Lebensjahren hat all das aber auch nichts geändert. Ein wichtiger Punkt, der oft vernachlässigt wird, wenn es um langes Leben geht, ist die Sturzprävention. Das kostet ähnlich viele Todesfälle wie durch einen Schlaganfall. Dagegen sind Bewegung, die Kräftigung der Muskulatur und die Erhaltung der Sinne die besten Mittel.


Du schreibst in Deinem Buch von Blue Zones, z. B. Okinawa. Hast Du bei deiner Recherche Gemeinsamkeiten dieser Blue Zones bestätigen oder gar widerlegen können?

Zuerst einmal zum Begriff: Die Blue Zones wurden als Begriff geprägt, als sich Forscher die Regionen auf der Welt angesehen haben, in denen überdurchschnittlich viele Menschen leben, die älter als 100 Jahre alt waren. Weltbekannt wurden sie dann durch das gleichnamige Buch von Dan Buettner, das zum internationalen Bestseller wurde. Im Kontext Ernährung wurde das Konzept der Blue Zones allerdings immer mehr auf einzelne Lebensmittel (z.B. Fisch, Olivenöl oder die lila Süßkartoffel aus Okinawa) als Anti-Ageing-Mittel runtergebrochen, was wissenschaftlich nicht haltbar ist. Zudem sind die Blue Zones durchweg kulturelle oder geographische (Halb-)Inseln, die hohe kulturelle und auch genetische Konservierung erfahren haben. Für eine akademische Faktoranalyse ist das ein interessantes Umfeld, aber nicht, um allgemeine Ernährungsratschläge für hoch diverse Bevölkerungsgruppen abzuleiten, wie wir sie in Europa und Deutschland vorfinden. Stichwort Okinawa, da waren wir mit M.R.EXPERT im Rahmen unserer Recherchen direkt vor Ort. Fakt ist, dass es dort sicher mehr Hundertjährige gibt, wie auch in den anderen Blue Zones, die sich ja genau dadurch auszeichnen. Schaut man sich all diese Blue Zones aber an, haben sie wie gesagt eines gemeinsam: Sie sind Inseln, Halbinseln oder kulturelle Inseln, wie im Fall der Adventisten-Gemeinde in Kalifornien. Somit lässt sich schon alleine deshalb eine hohe genetische Anpassung vermuten und im Fall von zum Beispiel Sardinien sogar belegen. Rückschlüsse auf die Ernährung, die teils einzelne Lebensmittel als „lebensverlängernd“ proklamieren, sind dagegen wissenschaftlich nicht haltbar. Laut Verzehrstudien essen die Menschen auf Okinawa seit dem 2. Weltkrieg zum Beispiel kaum mehr die bekannte Süßkartoffel und sogar mehr Fleisch als die Japaner von den Hauptinseln. Das kleine Agu-Schwein ist dort ein Grundnahrungsmittel und wird zu nahezu 100 Prozent verwertet.


Welche Rolle spielen Ernährungsfachkräfte und genauer die Ernährungswissenschaften im Kontext des gesunden Alterns bzw. der Verlängerungen der Lebenszeit ohne ernste gesundheitliche Einschränkungen?

Auf Ernährungsfachkräfte kommen in den nächsten Jahrzehnten riesige Aufgaben zu, die auch viele neue Möglichkeiten ergeben. Durch eine Anpassung des Lebensstils könnte laut EPIC-Heidelberg-Studie die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland von 80 auf 88 Jahre ansteigen und damit auch die Lebensqualität. Lebensstilintervention im primären Präventionsbereich schließt zu einem sehr großen Teil Ernährung und Bewegung mit ein. Dafür sind Ernährungsfachkräfte bestens geeignet und sollten dazu auch neue Geschäftsmodelle entwickeln, die on- und offline funktionieren. Denn für die wachsende Zielgruppe der älteren Menschen wird auch menschliche Nähe immer ein sehr wichtiger „Genussfaktor“ sein, egal ob Digital-Native oder nicht.


Welche Rolle nehmen Ernährungsfachkräfte bei der Aufklärung und Eindämmung von Mythen ein?

Wer gerne mehr über Malte und sein Buch Das Geheimnis des gesunden Alterns: Die Essenz aller wissenschaftlichen Studien - mit vielen praktischen Anwendungenerfahren möchte, kann ihn per LinkedIn kontaktieren.

Dieses Interview wurde geführt von Jan Rein. Gemeinsam mit Laura Merten betreibt Jan den Blog Satte Sache. Über die Website, mit ihren Podcasts und über die Sozialen Medien erreichen die zwei Ökotrophologen monatlich knapp 60.000 Menschen. Über Jan's und Laura's gemeinsame Mission haben wir hier geschrieben.


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