"Vegan ist Unsinn!" - Interview mit Bestseller-Autor Niko Rittenau

Niko Rittenau ist Ernährungswissenschaftler mit Fokus auf pflanzliche Ernährung. Er absolvierte ein Bachelorstudium in Ernährungsberatung und ein Masterstudium in Mikronährstofftherapie und Regulationsmedizin. Wir haben Niko kürzlich in unserem Beitrag Top 10 Ernährungsexpert*innen für pflanzenbasierte und nachhaltige Ernährung vorgestellt. Nun ist sein neues Buch "Vegan ist Unsinns!" erschienen. Ernährungsexpertin Laura Junge hat das Buch unter die Lupe genommen und Niko ein paar Fragen gestellt, zu seinem neuen Buch, seiner Mission und seiner Vision, wie die Ernährung der Zukunft aussieht und schmeckt.

Niko Wittenau präsentiert sein neues Buch: Vegan ist Unsinn!
Niko Rittenau mit seinem neuen Buch: Vegan Ist Unsinn! (2021)

Deine Bücher zählen zu den Bestsellern im Bereich der veganen Ernährung. Du hast bereits mehrere Bücher zum Thema Veganismus geschrieben und räumst in deinem neuen Buch „Vegan ist Unsinn!“ (Ed. Winters, et al. 2021) fachlich und fundiert mit vielen Mythen und Vorurteilen des Veganismus auf. Welches Problem möchtest du damit lösen?

Ich möchte mit meiner Arbeit zum einen falsche Vorstellungen der nicht-veganen Allgemeinbevölkerung richtigstellen und zum anderen vegan lebenden Menschen evidenzbasierte Informationen an die Hand geben, damit diese in Gesprächen besser argumentieren können. Zusätzlich adressiere und korrigiere ich aber auch Falschinformationen, die sich innerhalb der veganen Szene etabliert haben und die dafür sorgen, dass der Veganismus als soziale Gerechtigkeitsbewegung in der Außenwahrnehmung in vielen Fällen an Glaubwürdigkeit verliert.


Woher kommt die Inspiration für die Themen deiner Bücher?

Ich höre und lese schlichtweg seit Jahren immer dieselben Falschaussagen über die vegane Ernährung und habe damals im Jahr 2017 begonnen, diese systematisch aufzuarbeiten und mit der wissenschaftlichen Datenlage abzugleichen. Daraus entstand dann letztendlich das Buch, das im Herbst 2018 als „Vegan-Klischee ade!“ erschien und in „Vegan ist Unsinn!“ 2021 eine Fortsetzung fand. Viele der Vorurteile habe ich früher, als ich mich noch nicht vegan ernährt habe, auch selbst geglaubt. Daher habe ich auch Verständnis dafür, wenn Menschen aus Unwissenheit solche Mythen verbreiten. Aufgrund der Dringlichkeit der ethischen und ökologischen Probleme, die unsere aktuelle westliche Ernährung verursacht, ist es besonders wichtig, dass wir hier einen faktenbasierten Diskurs führen und trotz der Emotionalität des Themas rational bleiben.


Niko Rittenau - Bestsellerautor der Ernährungsbranche
(c) Bild: Niko Rittenau, Fotograf Tatyana Kronbichler

Mit deinen Büchern gibst du vielen Interessierten an einer pflanzenbasierten Ernährung ein fundiertes Wissen und eine gute Argumentationsgrundlage für alltägliche Gespräche über den Veganismus mit an die Hand - wie oft hat dir dein eigenes Buch „Vegan ist Unsinn!“ bei diesen Gesprächen schon geholfen?

Ich selbst lerne im Rahmen der Recherche zu den Büchern auch selbst immer noch einige neue Dinge, da der Schreibprozess mir die Gelegenheit gibt nochmals besonders tief in den jeweiligen Sachverhalt einzutauchen. Da wir viele der Buchinhalte zusätzlich auf Instagram in Form von Feedbeiträgen und auf YouTube in Form von Videos aufarbeiten, kann ich die Inhalte so auch nochmals besser verinnerlichen. Daher kann ich auf jeden Fall sagen, dass mich die Arbeit an meinen Büchern zu einem besseren Ernährungswissenschaftler und zu einem effektiveren Vertreter der veganen Bewegung gemacht hat.


In unserem Trendreport Ernährung 2021 steht die vegane und pflanzenbasierte Ernährung an Platz eins der zehn wichtigsten Trends. Stimmst du dieser Aussage zu? Was sorgt deiner Meinung nach dafür, dass vegane und pflanzenbasierte Ernährung so populär ist?

Ich denke, dass das Thema der veganen Ernährung in den kommenden Jahren der größte Ernährungstrend sein wird, da es zwei wesentliche Entwicklungen in sich vereint: Zum einen den Trend zu mehr pflanzlichen Proteinen und zum anderen die Innovationen der zellbasierten Landwirtschaft wie Clean Meat, Flora-Based Milk etc. Diese technologischen Entwicklungen werden dazu führen, dass eine vegane Ernährung nicht mehr ausschließlich als eine pflanzliche Ernährung definiert wird, weil zellbasierte, bakterielle und auf Pilzbasis erzeugte Lebensmittel einen vermehrten Einzug in die vegane Ernährung finden werden. Nicht alle vegan lebenden Menschen sehen Lebensmittel wie Clean Meat als vegan an, da die dafür verwendeten Zellen tierischen Ursprungs sind. Sie stehen aus meiner Sicht dennoch im Einklang mit den Grundwerten des Veganismus: Der Vermeidung von Ausbeutung und Grausamkeit gegenüber leidensfähigen Tieren und sind somit vegan. Die ethischen, ökologischen und (welt)gesundheitlichen Aspekte sprechen klar und deutlich für diese Entwicklungen und daher ist es aus meiner Sicht nur eine Frage von „wann“ und nicht „ob“ diese neue Art der Lebensmittelproduktion unser aktuelles Lebensmittelsystem ablösen wird.


Welche Rückfragen von Leser*innen bekommst du am häufigsten? Wo herrscht Aufklärungsbedarf?

In Bezug auf die ernährungswissenschaftlichen Aspekte des Veganismus geht es bei den häufigsten Fragen primär um die Nährstoffbedarfsdeckung ohne Tierprodukte. Woher bekommt man genügend Kalzium ohne Milch, Eisen ohne rotes Fleisch, Omega-3-Fettsäuren ohne Fisch usw. Zusätzlich drehen sich viele Fragen um die Wertigkeit pflanzlicher Proteine, die Bioverfügbarkeit von Mineralstoffen aus Pflanzen, die Sinnhaftigkeit diverser Nahrungsergänzungsmittel und die Sojakontroverse. Zu all diesen Fragestellungen gibt es bereits zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und ich sehe es als meine Aufgabe an als Vermittler zwischen den Wissenschaftler*innen und den Endverbraucher*innen zu fungieren.


"Ohne Ernährungsexpert*innen würden viele wissenschaftliche Erkenntnisse gar nicht zur Allgemeinbevölkerung durchdringen. Daher ist es wichtig, dass es auf der einen Seite Wissenschaftler*innen gibt, die selbst aktiv Forschung betreiben und auf der anderen Seite Expert*innen, die aus diesen Erkenntnissen konkrete Handlungsempfehlungen ableiten."

- Niko Rittenau


Welches war deine größte Herausforderung im Schreibprozess?

Die größte Herausforderung war, vor allem bei dem ersten Buch mit über 500 Seiten und mehr als 2.000 Quellen, den Überblick zu behalten, Durchhaltevermögen beim Durcharbeiten der Quellen zu zeigen und all die wissenschaftlichen Inhalte auch für Laien leicht verständlich aufzubereiten. Wie in der Danksagung am Ende des Buches auch geschrieben wurde, war ein Werk wie „Vegan-Klischee ade!“ nur durch all die Vorarbeit hunderter Expert*innen möglich, auf deren Arbeit mein Buch aufbaut. Daher gilt ihnen mein besonderer Dank. Ohne sie wären viele Studien unentdeckt geblieben oder einige Zusammenhänge für mich nicht ersichtlich geworden.


Welche Rolle spielen in diesem Kontext Ernährungsexpert*innen?

Ohne Ernährungsexpert*innen würden die vielen wissenschaftlichen Erkenntnisse gar nicht zur Allgemeinbevölkerung durchdringen. Daher ist es wichtig, dass es auf der einen Seite Wissenschaftler*innen gibt, die selbst aktiv Forschung betreiben und auf der anderen Seite Expert*innen, die aus diesen Erkenntnissen konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Außerdem können wir auch durch die gegenseitige Vernetzung, den fachlichen Austausch und konstruktive Kritik viel voneinander lernen. Daher finde ich auch die Arbeit von NUTRITION HUB so wertvoll, weil hier genau das geschieht.


Ich bin überzeugt davon, dass das Tier als Lieferant von Fleisch, Milch und Eiern langfristig ein Auslaufmodell ist.

- Niko Rittenau


Wirf mit uns einen Blick in die Zukunft: Wie sieht Ernährung in 2030 aus?

Ich bin zwar kein Zukunftsforscher, aber viele Prognosen gehen davon aus, dass trotz des großen Trends der pflanzlichen Ernährung der weltweite Verzehr tierischer Produkte in westlichen Ländern weiter steigen wird. Gleichzeitig werden uns die neuen Technologien der zellbasierten Landwirtschaft aber die Möglichkeit eröffnen, tierische Lebensmittel unabhängig vom Tier zu produzieren und somit hoffentlich in den kommenden Jahrzehnten ein ökologischeres Ernährungssystem frei von Tierausbeutung zu schaffen. Die Unternehmensberatung Kearny geht in einer Publikation davon aus, dass 2040 bereits 60 % des verzehrten Fleisches entweder zell- oder pflanzenbasiert sein werden und wenn diese Prognose zutrifft, würden diese Kategorien in 2030 wohl auch schon eine große Bedeutung haben. Ich bin überzeugt davon, dass das Tier als Lieferant von Fleisch, Milch, Eiern usw. langfristig ein Auslaufmodell ist.


Was siehst du als größte Herausforderung zur Ernährung des Menschen in der nächsten Dekade?

Ich denke, dass die Lösung der drängendsten Ernährungsfragen eine technologische sein wird und entsprechend sehe ich es als größte Herausforderung die finanziellen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um diese Technologien in ausreichendem Maße zu fördern. Die öffentlichen Mittel sind heutzutage noch viel zu begrenzt, die Politik adressiert die notwendige Ernährungswende unzureichend und in der Gesellschaft mangelt es an Aufklärung zu diesen Themen. All dies werden wir in der kommenden Dekade nicht zur Gänze lösen, aber wir können zumindest am Fortschritt arbeiten. Ich kann mir vorstellen, dass wir in den kommenden 10 Jahren erstmal eine Verschärfung der bisherigen Situation erleben werden. Doch ich blicke grundsätzlich sehr positiv in die Zukunft und denke, dass wir langfristig eine lebenswertere Zukunft für alle kreieren können.


Wer mehr über Niko Rittenau und seine Arbeit erfahren möchte, kann sich mit ihm über Instagram, Youtube und seine Website vernetzen.

Dieses Interview wurde geführt von Laura Junge

Laura ist leidenschaftliche Ernährungsmedizinerin, Fastenleiterin, erfolgreiche Ernährungsinfluencerin (@lustesser) und Teil unseres NUTRITION HUB Expert Circle. Wir haben Laura kürzlich in unserem Beitrag Top 10 Ernährungsexpert*innen für pflanzenbasierte und nachhaltige Ernährung vorgestellt. Wer mehr über Laura erfahren möchte, findet sie über Instagram und ihre Website.