Eine Judo-Leistungsportlerin wird Expertin für Ernährungsverhalten: Bastienne Neumann

Für unser Fokusthema "Nutrition, Mind & Well-being", dem wir uns in den kommenden Monaten bei NUTRITION HUB widmen werden, haben wir uns Ernährungswissenschaftlerin und Ernährungspsychologin Bastienne Neumann an die Seite geholt. Mit ihrem Podcast “Ernährungspsychologie leicht gemacht” hat Bastienne 2019 den deutschen Podcastpreis gewonnen, Platz 1 der iTunes-Charts erreicht und über 3,5 Millionen Downloads generiert. Mit einer aktiven Community von knapp 10.000 Instagram Follower*innen und mehr als 5.000 Newsletter-Abonennt*innen zählt Bastienne zu den erfolgreichsten Expertinnen auf dem Gebiet der Ernährungspsychologie in Deutschland. Sie teilt ihr Wissen regelmäßig in Gastauftritten im WDR, ARD, Pro Sieben, RTL u.v.m. Wir haben Bastienne einige Fragen gestellt - ihre Leidenschaft für das Thema ist wahrlich ansteckend!

Bastienne Neumann Nutrition Hub Interview

Dein Podcast “Ernährungspsychologie leicht gemacht” hat mehr als 3,5 Million Downloads und wurde auf Platz 1 der iTunes-Charts gerankt. Welches Problem möchtest du mit deinem Podcast lösen?

Bevor ich meinen Podcast gestartet habe, hatte ich mich selbst intensiv damit auseinandergesetzt, weshalb ich so aß wie ich aß. Denn obwohl ich durch mein ernährungswissenschaftliches Studium viel Wissen hatte, schaffte ich es nicht immer dieses umzusetzen. Ich aß ohne hungrig zu sein und griff häufiger zu ungesunden Snacks als ich wollte. Deshalb hinterfragte ich mein eigenes Essverhalten und schaute dabei nicht nur darauf was ich aß, sondern vor allem auch warum und wie ich aß. Somit schaffte ich es, mein eigenes Ernährungsverhalten zu verstehen und wieder eine gesunde Beziehung zum Essen aufzubauen. Das gab mir viel Lebensqualität zurück. Da ich wusste, dass es vielen anderen da draußen so ging wie mir, wollte ich mein Wissen und meine Erfahrungen teilen und startete meinen Podcast. Ich wollte Menschen dabei helfen ihr Ernährungsverhalten zu verstehen und Frieden mit dem Essen zu schließen.


Du hast einen sehr engen Kontakt zu deiner Community. Worin begründet sich das enorme Interesse an diesem Thema?

Im Grunde findet fast jede und jeder es spannend sich selbst zu verstehen. “Weshalb greife ich in bestimmten Situationen eigentlich zum Essen, obwohl ich gar nicht hungrig bin und welche Rolle spielt das Essen in meinem Alltag?” Um Antworten darauf zu finden, muss man sich selbst reflektieren und manchmal auch hinter die eigene Fassade blicken. In meinem Podcast gehe ich mit meiner Ernährungsgeschichte und dem was hinter meiner Fassade steckt recht offen um, wodurch sich viele Hörer mit mir und meiner Geschichte gut identifizieren können. Ich denke die Kombination aus dieser Offenheit und dem generellen Interesse das eigene Ernährungsverhalten verstehen zu wollen, führt dazu, dass die Bindung zu meinen Hörern sehr eng ist und das Thema gut ankommt.

Links: 2019 erhält Bastienne den deutschen Podcastpreis für ihren Podcast “Ernährungspsychologie leicht gemacht”. Mittig: Auf Instagram folgen Bastienne knapp 10.000 Menschen.

Rechts: Mai 2020, Bastienne beim Dreh mit Das Erste für einen Beitrag über das Essverhalten in der Coronazeit.


Du warst Leistungssportlerin im Judo, musstest den Leistungssport verletzungsbedingt allerdings aufgeben. Wie kam es dazu?

Im Judo kämpft man nach Gewichtsklassen. Demnach wurde ich schon im Alter von nur 6 Jahren regelmäßig von meinem Trainer gewogen und je nachdem welches Turnier anstand sollte ich abnehmen, zunehmen oder mein Gewicht halten. Deshalb fing ich schon sehr früh an mein Gewicht durch Diäten zu beeinflussen, was mir durch die äußere Kontrolle des Wiegens ganz gut gelang (wenn auch nicht auf gesündestem Wege). Mit knapp 16 Jahren riss mir jedoch das Kreuzband, wodurch ich den Judosport ein Jahr lang pausieren musste. In dieser Zeit wurde mein Gewicht erstmals nicht von außen kontrolliert, weshalb ich meine Dauerdiät ablegte und all das aß, was ich mir die Jahre zuvor verboten hatte. Das führte dazu, dass ich in kurzer Zeit recht viel zunahm, was mir ganz und gar nicht gefiel. Also beschäftigte ich mich intensiv mit dem Thema Ernährung, probierte sämtliche Ernährungsweisen aus, um die unerwünschten Kilos wieder zu verlieren. Leider wiederholte sich der Kreuzbandriss nach der Sportpause ein zweites und sogar ein drittes Mal. Mein Gewicht ging dadurch immer mehr in die Höhe, was dazu führte, dass ich mich tiefer und tiefer in Ernährungsthemen einarbeitete. Letztendlich entschloss ich mich sogar dazu Ernährungswissenschaften zu studieren, nicht zuletzt um meine eigenen Herausforderungen in den Griff zu bekommen und mein Essverhalten zu verstehen.


Ernährung, Psyche und Wohlbefinden - Wie hängen diese drei Faktoren so unmittelbar miteinander zusammen?

Oftmals wird das Thema Ernährung sehr einseitig betrachtet. So wird beispielsweise nur geschaut, was gesund ist und was nicht. Dabei wird oft vegessen, weshalb wir manchmal nach ungesunden Lebensmitteln verlangen. Wir essen nämlich nicht nur, weil wir hungrig sind, sondern auch, weil wir unsere Emotionen damit regulieren: Wir bauen Stress ab oder wir belohnen uns. Man könnte sagen, “die Psyche isst mit”. Grund dafür ist unter anderem, dass durchs Essen Glückshormone in uns freigesetzt werden. Somit lässt sich also auch unser Wohlbefinden durch die Nahrungsaufnahme regulieren. Ernährung, Psyche und Wohlbefinden beeinflussen sich deshalb stärker als viele zunächst annehmen.


In unserem Trendreport Ernährung 2021, in dem die zehn wichtigsten Ernährungstrends des kommenden Jahrzehnts genannt werden, steht auf Platz 4 "Health at Every Size & Intuitives Essen". Was sorgt deiner Meinung nach dafür, dass dieses Thema in unserer Gesellschaft immer präsenter wird?

Zum einen gibt es eine sehr große Bewegung, die sich stark mit Body Positivity auseinandersetzt und es befürwortet zu essen, wonach der Körper verlangt. Man könnte es auch als eine Anti-Diät-Bewegung ansehen – weg vom kontrollierten Wissen, hin zum intuitiven Essen ohne Verbote und Zwänge. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch eine Vielzahl an Menschen, die das Thema Ernährung sehr konträr angehen. Sie möchten möglichst viel Kontrolle über ihr Essverhalten und benötigen dafür auch eine Menge Wissen, um die “richtigen” Entscheidungen zu treffen. Deshalb bilden sie sich ständig weiter und hinterfragen welche Informationen falsch bzw. richtig sind und ob bestimmte Ernährungsmythen tatsächlich zutreffen. Und natürlich gibt es auch eine Gruppe von Menschen, die sich zwischen diesen zwei Bewegungen wiederfindet.


Bastienne Neumann Nutrition Hub Interview

Welche Rückfragen von Hörerinnen und Hörern bekommst du am häufigsten? Wo herrscht Aufklärungsbedarf?

Da das Thema der Ernährungspsychologie noch recht jung und nicht sehr verbreitet ist, bekomme ich sehr häufig Rückfragen bezüglich weiterer Wissensquellen, wie Büchern oder Fortbildungen. Ich merke, dass hier ein großes Interesse besteht sich selbst qualifiziert weiterzubilden und viele Leute Lust auf mehr haben.





Welche Rolle spielen in diesem Kontext Ernährungsexpertinnen und -experten?

Am Beispiel der Ernährungspsychologie kann man gut erkennen, wie breit gefächert das Thema Ernährung eigentlich ist. Es gibt noch so viele Bereiche, die dünn besetzt sind, obwohl großes Interesse an mehr Information bei Verbrauchern und Verbraucherinnen besteht. Wir brauchen also in Zukunft noch sehr viele, clevere Ernährungsexpertinnen und Ernährungsexperten.

Mehr über Bastienne und ihren Podcast und weitere Arbeit findet ihr auf ihrer Website: www.bastienne-neumann.de. Dieses Interview wurde geführt von Roxanna Rokosa, Head of Digital Communication bei NUTRITION HUB