Immun-Booster - wie können wir uns vor Corona schützen und was ist absoluter Nonsens?

Ein gesundes und intaktes Immunsystem ist in Zeiten von Corona mehr als wichtig. Auch zu diesem Thema kursieren jede Menge Mythen und Unwissen im Internet. Deshalb haben wir mit den beiden Ernährungsexpertinnen Dr. Tanja Werner und Marie Ahluwalia geklärt, was unser Immunsystem wirklich stärkt und wieso das überhaupt so wichtig ist? Tanja Werner ist Leiterin des Bereichs Medizin und Wissenschaft bei Protina*. Die studierte Biomedizinerin hat im Fach Ernährungsmedizin promoviert und habilitiert sich derzeit. Marie ist Ärztin und Ernährungsmedizinerin und arbeitet als Ernährungsberaterin & -therapeutin hauptsächlich online und in ihrer Praxis in Düsseldorf. Sie lebt in Deutschland und Indien.

Schützen kann man sich vor einer Covid-19-Erkrankung am besten durch soziale Distanz. Kann man denn mit der Ernährung auch etwas tun oder vorbeugen?

Tanja: Für das reibungslose Funktionieren unseres Immunsystems nimmt die Ernährung eine wichtige und bedeutende Rolle ein, denn nur wenn wir ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind, sind unsere Immunzellen für die Abwehr von Bakterien und Viren gerüstet (Gombart et al. 2020).


Wie kann man generell für ein starkes Immunsystem sorgen?

Tanja: Hier gilt es in erster Linie Nährstoffdefizite zu vermeiden, da eine schlechte Versorgung mit immun-relevanten Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führt (Childs et al. 2019). Eine ausgewogene, pflanzen-betonte, basische Mischkost versorgt uns mit allen relevanten Nährstoffen.

Marie: Es wird ja oft von “Immunboosting” gesprochen. Gesundheitsförderlich ist aber ein Immunsystem im Gleichgewicht; eine “Überfunktion” des Immunsystems wollen wir ja gar nicht, diese liegt beispielsweise bei Autoimmunerkrankungen oder Allergien vor. Neben der Ernährung spielen auch Bewegung, Schlaf und mentaler Stress eine Rolle für die Funktion des Immunsystems - also ein Lebensstilansatz. Moderate Ausdauerbelastung z.B. bewirkt akuten entzündlichen Stress. Die antiinflammatorische Gegenreaktion kommt auch anderen Entzündungsherden im Körper zugute. Das Immunsystem wird gestärkt. (Uhlenbruck G. 2003) Wenn es um das Immunsystem geht, denkt man immer direkt erstmal an Infektionen. Darüber hinaus hat das Immunsystem viele weitere Funktionen und spielt eine Rolle bei der Entstehung von z. B. Autoimmunerkrankungen aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes Mellitus. Hier ist die Datenlage oftmals aussagekräftiger in Bezug auf die Immunantwort und Entzündungsmarker.


Gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Rolle bestimmter Nährstoffe in der Bekämpfung von Viren/Bakterien?

Tanja: Die Erkenntnisse im Bereich der Mikronährstoffe sind nicht unbedingt neu, aber die Funktionen der einzelnen Nährstoffe werden immer spezifischer untersucht und geben Klarheit über deren Rolle im Immunsystem. Allgemein bekannt ist die Bedeutung von Vitamin A, C, D und E, sowie den Spurenelementen Zink, Eisen und Selen (Calder et al. 2020). Weniger bekannt ist, dass Magnesium äußerst wichtig für die Abwehr von Viren ist. Es wird für die cytotoxische Funktion der natürlichen Killerzellen und spezifischen T-Zellen unseres Immunsystems benötigt, die für die Bekämpfung von virusinfizierten Zellen verantwortlich sind (Chaigne-Delalande et al. 2013). Ebenso wenig Aufmerksamkeit kommt der Regulation des Säure-Basen-Haushaltes zu, wenn wir über Immunabwehr sprechen. Es gibt hier Hinweise, dass Viren sehr empfindlich auf geringe pH-Wert-Verschiebungen zum Basischen hin reagieren, sodass diese inaktiv werden. Eine gute Versorgung mit Basen kann deshalb die Abwehr von Viren und das Immunsystem unterstützen (Mousa et al. 2016).

Marie: Spannend finde ich den Einsatz von Curcumin, dem natürlichen Farbstoff der Kurkuma Wurzel. Es wird in Indien seit jeher als natürliches Antibiotikum eingesetzt. Forscher konnten inzwischen in zahlreichen Studien die antimikrobiellen und antientzündlichen Eigenschaften des Stoffs zeigen können. (Rahmani et al 2018)


Welche Rolle spielt das Darm-Mikrobiom? (neue wissenschaftliche Erkenntnisse?)

Tanja: Unserem Darmmikrobiom kommt eine zentrale Rolle zu, wenn wir über das Immunsystem und die Immunantwort unseres Körpers sprechen. Hierzu könnte man alleine einen seitenlangen Artikel verfassen. Es geht vor allem darum, welche Metabolite (Abbauprodukte) unsere Bakterien aus unserer Nahrung produzieren; diese kommunizieren mit bzw. kontrollieren unser Immunsystem. Hier spielen die kurzkettigen Fettsäuren eine entscheidende Rolle. Sie werden aus löslichen Ballaststoffen und unverdaulichen Kohlenhydraten durch Fermentation der Bakterien gebildet und beeinflussen eine Vielzahl an Immunfunktionen, so z.B. allergische Reaktionen (Levy et al. 2016).


Marie: Auch werden Entzündungsmarker, als Hinweis auf “stille Entzündungen” im Kontext der Entstehung und Bestehen von metabolischen Krankheiten positiv durch eine günstige Mikrobiomzusammensetzung beeinflusst. (Gosh et al. 2020) Ein hoher Ballaststoffverzehr (Obst, Gemüse, Vollkornprodukte) wirkt sich positiv auf unsere Darmmikrobiota (Erhöhung der Diversifizität) und damit auf das Immunsystem aus (Venter et al. 2020).


Im Internet kursieren im Moment viele Mythen zu Produkten, die Corona bekämpfen. Was hilft dabei wirklich?

Tanja: Natürlich sind die Hygienemaßnahmen an erster Stelle bei der Bekämpfung des Coronavirus zu nennen, sowie mit dem Rauchen aufzuhören. Eine spezifische Supplementation, um Nährstoffdefizit auszugleichen, ist insbesondere für Risikogruppen sinnvoll. Diese Präparate können definitiv nicht den Coronavirus selbst bekämpfen, aber sie können unserem Immunsystem auf die Sprünge helfen.


Worauf sollte man achten, wenn ein Produkt kauft/zu sich nimmt?

Tanja: Es ist wichtig, nicht wahllos alles einzunehmen, was mit “Stärkung des Immunsystems” beworben wird. Eine Supplementation kann gerade jetzt sinnvoll sein, besonders, wenn man sich nicht (immer) ausgewogen ernährt. Etwas Zeit investieren, sich seiner Ernährungsgewohnheiten bewusst werden und prüfen, welche immun-relevanten Nährstoffe denn fehlen könnten, wie z.B. B12 bei veganer Ernährung, Vitamin D in der Winterzeit oder eine Basensupplementation, wenn man nicht genügend Obst und Gemüse ist.

Marie: Bei Vitamin D kann es neben einem Mangel ebenfalls zu einer Vergiftung (Intoxikation) kommen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Vitamin D als fettlösliches Vitamin im Fett- und Muskelgewebe gespeichert werden kann. Im Internet sehe ich regelmäßig Empfehlungen zur Einnahme großer Mengen von Vitamin D. Dies sollte von ärztlich angeordnet sein und bei hohen Dosen kontrolliert werden.


Welche Nahrungsergänzungsmittel bringen etwas und für welche Personengruppen?

Tanja: Die Deckung des Nährstoffbedarfs ist innerhalb Europas nicht ausreichend gegeben, sodass eine Unterversorgung mit z.B. Vitamin D, C oder auch Selen insbesondere bei älteren Personen weit verbreitet ist (Elmadfa et al. 2009). Senioren stellen sicherlich eine Risikogruppe dar, nicht nur durch Erkrankungen, sondern auch durch eine schlechte Nährstoffversorgung.


Marie: Auch bei Menschen mit chronischen Erkrankungen kann der Nährstoffbedarf erhöht sein, z.B. im Fall von chronischen Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes muss die verringerte Aufnahme aus dem Darm ausgeglichen werden.


Welche Webseiten / ExpertInnen empfehlt Ihr zum Thema Ernährung und Immunität?

Tanja: Es ist schwierig, pauschale Quellen zu benennen, insbesondere im Internet ist viel Unwissen in Kombination mit Verkaufsförderung von Produkten unterwegs. Ich persönlich verlasse mich in erster Linie auf Studien (www.ncbi.nlm.nih.gov) und auch die muss man kritisch lesen und hinterfragen. Deswegen mein Tipp: sich an Personen wenden, die sich mit der Wissenschaft hinter Ernährungsfragen auskennen und Studien richtig interpretieren können, so wie viele WissenschaftlerInnen bei Nutrition Hub.


Marie: Ich verfolge die Forschung von Professor Philip Calder Professor of Nutritional Immunology within Medicine der University of Southampton. Er und sein Team erforschen wie die Ernährung Immunität und Entzündung beeinflusst.


Wer mehr erfahren möchte, dem legen wir Maries Instagram Account ans Herz. Mit Tanja könnt ihr euch am Besten über LinkedIn vernetzen und austauschen.


* Transparenzhinweis: Die Protina Pharmazeutische GmbH ist auf die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb von hochwertigen Vitamin- und Mineralstoffpräparaten als Arzneimittel und Nahrungsergänzungen spezialisiert.

Interview von Dr. Simone K. Frey


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