Dr. Philip Prinz - Abteilungsleiter beim Deutschen Zuckerverband


Lieber Philip, Du hast Ernährungswissenschaften studiert und arbeitest inzwischen beim Zuckerverband? Wie kam es dazu?

Nach meinem Studium in Wien und Potsdam habe ich an der Charité promoviert und anschließend noch ein Jahr als Post-Doc gearbeitet. Ich habe mich da bereits mit dem Thema der Hunger- und Sättigungsregulation beschäftigt und wollte weiterhin in einem ähnlichen Feld der Ernährungswissenschaften weiterarbeiten. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker e.V. (WVZ) hat mir genau diese Möglichkeit geboten. Ich konnte meinen Fokus neu ausrichten, dennoch altes Wissen mit einbringen und mir wurde weiterhin die Möglichkeit geboten, auf hohem wissenschaftlichen Niveau zu arbeiten.

Wie ist die Arbeit bei einem Verband?

Bevor ich bei der WVZ angefangen habe, war mir gar nicht richtig bewusst, was ein Verband wirklich macht. Ich war noch etwas geblendet von der Hochschulforschung und kannte die Alternativen gar nicht richtig. Übrigens ist das heute noch so, dass ich viele Bekannte habe, denen der Schritt aus der Forschung sehr schwerfällt, da sie ihre Möglichkeiten außerhalb der Uni gar nicht kennen.

Meine Hauptaufgabe bei der WVZ ist es, mich in verschiedene Themen rund um das Thema Zucker einzuarbeiten und dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzugreifen. In diesem Punkt unterscheidet sich die Arbeit nicht sehr von der Arbeit in der Forschung: Zuerst verschaffe ich mir einen Überblick über die bestehende Studienlage, lese ebenfalls wissenschaftliche Paper und bewerte diese schließlich. Sollten dann Anfragen von unseren Verbandsmitgliedern kommen, kann ich diese auf einer fundierten wissenschaftlichen Basis beraten oder ihnen neueste Erkenntnisse mitteilen. Dazu zählt natürlich auch eine ausführliche Medienbeobachtung. Besonders beim Thema Zucker ist das sehr relevant, da das, was man in so mancher Zeitung liest, häufig nicht viel mit der Realität und Wissenschaft zu tun hat. Hier geistern regelrechte Zuckermythen durch die öffentliche Debatte. Das Lieblingsthema in den Medien dabei ist Übergewicht und Adipositas und die Fokussierung auf einen Sündenbock, den Zucker. Fakt ist, wir bewegen uns heute zu wenig und essen zu viel, was in einer positiven Energiebilanz resultiert, die zu Übergewicht führt. Das ganze Thema ist zwar komplex, aber man kann es auf diese einfache Formel herunterbrechen. Als ich vom Labor an den Bürotisch gewechselt habe, musste ich das erstmals am eigenen Leib erfahren. Inzwischen baue ich mehr Bewegung in meinen Alltag ein und alles ist unter Kontrolle. Das sich Medien und Wissenschaft so sehr am Zucker aufhängen, um Aufmerksamkeit zu erlangen, ist definitiv ein Punkt, der mir nicht gefällt.

Wie stehst Du persönlich zur Ausrichtung des Verbandes? Ist diese vereinbar mit dem Anspruch einer gesunden Ernährung?

Definitiv, Zucker ist Bestandteil einer ausgewogenen gesunden Ernährung. Es ist wie mit so vielen anderen Sachen, erst wenn man mehr isst als man sollte, nimmt man an Gewicht zu. Zucker bedeutet aber auch Genuss und das sollte man nicht vergessen.

Zugegeben, am Anfang dachte ich auch, dass die wissenschaftliche Datenlage für Zucker erdrückend wäre und er zu verschiedenen Erkrankungen führe. Bis ich u.a. die Studie von Te Morenga zu den WHO-Empfehlungen der Zufuhr von freien Zuckern in der Hand hatte und dort stand schwarz auf weiß „Isst du mehr Zucker als du verbrennst, nimmst du zu. Ersetzt du deinen Anteil der Kohlenhydrate in der Ernährung durch Zucker, nimmst du nicht zu“. Das heißt, Zucker per se macht nicht dick, sondern ein Übermaß an Essen und damit verbunden eine positive Energiebilanz. Genauso ist es bei anderen Erkrankungen auch, der Großteil der Studien die durch die Presse gehen sind Korrelationsstudien, die gar keinen direkten Bezug von Zucker zu einer bestimmten Krankheit ableiten können, da sie Faktoren wie Bewegung, Rauchen, Einkommen, Lebensqualität oder das soziale Umfeld gar nicht mit erheben können.

Was begeistert Dich am Fachbereich Ernährungswissenschaft?

Mit dem Thema Ernährung hatte ich im Studium immer etwas zum Anfassen. Biologie hätte mich zum Beispiel gar nicht interessiert, Pharmazie auch nicht. Ich liebe Essen und mich interessiert die dahinterstehende Physiologie im Menschen. Aber Essen hat auch Einfluss auf die Psyche, auch das finde ich spannend.

Die Welt braucht Ernährungswissenschaftler*innen, um die Welt gesünder zu machen. Damit meine ich nicht nur die westliche Welt, sondern auch Teile auf unserem Planeten, in denen die Menschen von Mangelernährung betroffen sind. Auch hier können Ernährungswissenschaften, vor allem in Zusammenarbeit mit Ärzten, viel bewirken.

In unserer Gesellschaft müssen die Ernährungswissenschaftler*innen noch mehr auf sich Aufmerksam machen und verdeutlichen, dass sie das Fachwissen besitzen. Wie kann es zum Beispiel sein, dass wir jeden Tag irgendeine neue ungefilterte Botschaft zum Thema Ernährung erhalten, ohne dass der Verfasser sich in diesem Bereich auskennt? An dieser Stelle würde ich mir doch sehr wünschen, dass sich Ernährungswissenschaftler*innen, entweder zu Wort melden oder bereits bei der Erstellung von bestimmten Artikeln stärker mit eingebunden werden.

Was sind Deiner Meinung nach die größten beruflichen Herausforderungen für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaftler*innen?

Zeitverträge an den Hochschulen und das dieses Studium immer noch mit Kochen verbunden wird. Mal schauen, ob sich in der Zukunft da etwas ändert. Ich würde es mir wünschen.

Wer mehr über Philip erfahren möchte, hier geht es zu seinem LinkedIn-Profil: https://www.linkedin.com/in/philip-prinz-109688105/

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