Was "systemrelevant" für ein Lebensmittelunternehmen bedeutet: DMK berichtet

Corona hat unser Ernährungs- und Kaufverhalten verändert. Aus Angst, die Lage könnte besonders schlimm werden, haben viele von uns zuhause Lebensmittellager aufgebaut. Ist diese Sorge berechtigt? Die größte deutsche Molkereigenossenschaft DMK-Group hat mit uns über die Situation gesprochen: Oliver Bartelt und Dr. Ralf Zink erläutern die Veränderungen durch Corona.

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DMK gehört zu den Unternehmen, die von der Bundesregierung als "systemrelevant" eingestuft wurden. Was bedeutet das?

Dr. Ralf Zink: In Deutschland hat die Bundesregierung die Land- und Ernährungswirtschaft einheitlich als systemrelevante Infrastruktur eingestuft. Damit ist gewährleistet, dass die Betriebe unter Berücksichtigung des notwendigen Gesundheitsschutzes aufrechterhalten bleiben, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen.


In der ersten Phase des Corona-Ausbruchs kam es zu Hamsterkäufen - die VerbraucherInnen hatten Sorge, dass bestimmte Lebensmittel nicht mehr vorliegen. Ist diese Sorge berechtigt?

Oliver Bartelt: Nein. Die Warenversorgung sicherzustellen ist in diesen Tagen für uns oberstes Gebot und gleichzeitig hohe Motivation für alle MitarbeiterInnen und LandwirtInnen. Wir haben einen Krisenstab eingerichtet, der die aktuelle Lage kontinuierlich beobachtet, bewertet und die entsprechenden Maßnahmen einleitet.


Wie hat sich der Absatz der DMK-Produkte seit Ausbruch bis jetzt verändert?

Oliver Bartelt: In diesen Tagen zeigt sich bei uns ein sehr breit gefächertes Bild: Die Aufträge seitens des Lebensmitteleinzelhandels waren in den letzten Wochen teilweise doppelt so hoch als in einer „normalen“ Woche um diese Zeit. Gleichzeitig sehen wir, dass das Gastronomie-Geschäft in den letzten Wochen in großen Teilen komplett zum Erliegen gekommen ist. Das weltweite Geschäft ist in den letzten Wochen zudem von hohen Unsicherheiten geprägt, was Verfügbarkeiten von Logistik etc. betrifft. Es ist also eine starke Verschiebung innerhalb der Sortimente zu verzeichnen. Das ist aber ein sehr dynamischer Prozess, hier fahren wir auf Sicht.

Kaufen KonsumentInnen durch Corona anders ein?

Oliver Bartelt: Der Fokus lag in den ersten Wochen stark auf H-Produkten, also H-Milch und H-Sahne, Butter und Käse. Alle weiteren Segmente verzeichnen aber ebenfalls deutliche Anstiege – teilweise wurde die 3-fache Wochenmenge bestellt. Das Kaufverhalten wird dabei von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Zu Beginn gab es bedingt durch teils drastische Kontaktsperren die bekannten „Hamsterkäufe“. Davon waren verschiedene Warengruppen beeinflusst. Gleichzeitig essen die Menschen in der Zeit der Kontaktsperren natürlich nicht außer Haus wie sonst. Der Konsum findet jetzt zuhause statt und daher wird auch anders eingekauft.


Wie wirkt sich die Entwicklung an den Märkten auf die Erzeugerpreise aus?

Oliver Bartelt: Wir sind als Genossenschaft ein Unternehmen unserer über 6.000 LandwirtInnen. Wir haben den Auszahlungspreis für den Monat April gegenüber dem Vormonat März stabil halten können. Für den Mai und darüber hinaus lässt sich aufgrund der Marktentwicklungen und der nach wie vor sehr dynamischen Entwicklungen in Sachen Corona noch keine seriöse Prognose abgeben. Je nach Ausrichtung, Möglichkeiten und guter Vorbereitung auf eine Krise diesen Ausmaßes sind Molkereien hier aber auch komplett unterschiedlich betroffen. Prognosen sind kaum möglich bei der nach wie vor hohen Dynamik, die das Corona-Thema mitbringt.


Was man festhalten kann: LandwirtInnen ernähren die Bevölkerung. Das hatten viele VerbraucherInnen und PolitikerInnen kaum mehr im Bewusstsein, weil es rund um die Uhr alles im Überfluss gab. Jetzt stocken internationale Warenflüsse, Supermarktregale sind teilweise leer gefegt und Einkaufsmengen werden zum Teil rationiert. Die Landwirte und Landwirtinnen produzieren aber auch jetzt die Mittel zum Leben. Dafür bekommen sie von weiten Teilen der Gesellschaft und Politik Anerkennung und Wertschätzung. In der Gesellschaft verspüren wir in diesen Tagen eine massive Bereitschaft, solidarisch zu sein.


Die Kombination aus beiden Faktoren müsste eigentlich auch ermöglichen, dass sich der Verbraucher und die Verbraucherin durch faire, angemessene Preise im Handel auch finanziell wertschätzend verhalten kann, was landwirtschaftlich erzeugte Produkte betrifft. Hier kommt dem Handel eine wichtige Aufgabe zu. Auf der einen Seite orientiert er sich bei seinen Einkaufspreisen gegenüber der Industrie an Weltmarktpreisen, auf der anderen Seite sieht er die nationale Landwirtschaft und die verarbeitende Industrie gerade auch in Krisenzeiten als wichtigen Partner. Beides gilt es mit Augenmaß zu berücksichtigen. Da sich derzeit im Bereich Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung und im internationalen Geschäft für viele deutsche Landwirte und Landwirtinnen über ihre Molkereien coronabedingt ein nur stark eingeschränktes Absatzpotenzial ergibt, kommt es derzeit mehr denn je auf faire Margen für die Produkte im Handel an.


DMK investiert u. a. in die Entwicklung von pflanzenbasierten Milchersatzprodukten. Hat sich durch Corona daran etwas geändert?

Dr. Ralf Zink: Nein, wir arbeiten trotz Corona weiter an pflanzenbasierten Milchersatzprodukten und veganen Produkten. Corona hat auf unsere Entwicklungstätigkeit bzw. unser Portfolio weder einen positiven noch einen negativen Effekt.


Wie verändert sich die Arbeit in der F&E-Abteilung während Corona?

Dr. Ralf Zink: Wir haben in der F&E-Abteilung eine räumlich und zeitlich striktere Auftrennung der Benutzung der einzelnen Bereiche in den Innovationszentren eingeführt, um vorbeugenden Infektionsschutz zu bieten und ggf. Infektionsketten schnell Nachvollziehen zu können. Daher dauern manche Entwicklungsschritte momentan zeitlich einfach etwas länger. Und im operativen Tagesgeschäft beobachten wir drei Dinge:

  1. Es ist aktuell schwieriger bis unmöglich direkte gemeinsame Versuche bei und mit externen Partnern vor Ort durchzuführen. 

  2. Vorsorgliche Zugangsbeschränkungen zwischen einzelnen Standorten, um mögliche Infektionsverbreitungen schnell zu erkennen und einzudämmen, erschweren oder verhindern teilweise ein pragmatisches, schnelles Vor-Ort-Ausprobieren einer Idee oder eines Ansatzes. 

  3. Eine wissenschaftliche Diskussion neuer Trends auf Tagungen mit z. B. akademischen oder anderen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen bzw. mit externen Partnern/Lieferanten ist aktuell sehr eingeschränkt. 

Also, alles in allem verändert sich die F&E-Arbeit in ihren Schritten nicht, sie dauert nur etwas länger also vor Corona.

Bei weiteren Fragen könnt ihr euch mit Oliver Bartelt und Dr. Ralf Zink via LinkedIn vernetzen.

Dieses Interview wurde geführt von Dr. Simone K. Frey


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