Agrarwissenschaftlerin Jana Gäbert über konventionelle Landwirtschaft und den Klimawandel


Die Themen Landwirtschaft und Ernährung sind eng miteinander verknüpft und dennoch gibt es kaum Schnittstellen zwischen den ExpertInnen. Jana Gäbert ist leidenschaftliche Agrarwissenschaftlerin, Mutter von drei Kindern und der Meinung, dass ErnährungsexpertInnen und LandwirtInnen enger miteinander zusammenarbeiten sollten. Jana hat uns mit ihren Ansichten inpiriert und schnell war uns klar, da muss ein Interview her. Hier ist es:

Jana, Du bist Strategiemanagerin bei der Agrargenossenschaft Trebbin. Wie kam es dazu?

Mich hat die Landwirtschaft schon als Kind fasziniert, weil man nirgendwo sonst so im Einklang mit der Natur arbeitet und gleichzeitig so viel moderne Technik nutzt.

Ich hatte schon immer ein Faible für die Naturwissenschaften und finde in der Agrargenossenschaft als Kooperationsbetrieb alle meine Interessensgebiete vereint. Studiert habe ich Agrarwissenschaften und seit 2010 arbeite ich bei der Agrargenossenschaft Trebbin. Als Agrargenossenschaft bauen wir Getreide wie Weizen, Roggen und Gerste an und halten 1000 Milchkühe.

Und was ist eine Agrargenossenschaft?

Bei einer Agrargenossenschaft schließen sich mehrere Familienbetriebe zusammen, um so effektiver arbeiten zu können - z.B. muss man dann bestimmte Maschinen nur einmal anschaffen.

Wofür setzt du dich in der Landwirtschaft ein und warum ist das in Zukunft so wichtig?

Für mich ist es ganz wichtig, mit Vorurteilen aufzuräumen. Jede/r LandwirtIn braucht eine intakte Umwelt, um gesunde Lebens- und Futtermittel produzieren zu können. Landwirtschaft ist unglaublich divers. Du findest Groß- und Kleinstbetriebe, ökologisch zertifizierte, konventionelle und integrierte. Und jeder hat seine Berechtigung. Ich halte es für unglaublich wichtig, vorauszuschauen und Systeme zu entdecken, mit denen es möglich ist, sich der Herausforderung zu stellen, die wachsende Weltbevölkerung gesund zu ernähren und gleichzeitig den Klima- und Umweltschutz sowie die Artenvielfalt zu fördern. Moderne Landwirtschaft und Biodiversität schließen sich nämlich ganz und gar nicht aus. Und da passieren auch bei uns unheimlich viele Dinge, die es leider nicht in die Presse schaffen.

Wie hat sich die Arbeit von LandwirtInnen in den letzten 10 bis 20 Jahren verändert? Die Landwirtschaft ist einem permanenten Wandel unterzogen. Ganz viel ist politisch gesteuert und somit ändern sich Schwerpunkte in etwa alle vier Jahre. Immer mehr in den Fokus rückt das Tierwohl und der Naturschutz. Inzwischen sind LandwirtInnen nicht nur verantwortlich für die Ernährung der Bevölkerung, sondern auch Dienstleister im Bereich Lebensqualität und Naturschutz. Ich finde diese Entwicklung sehr gut, allerdings würde ich mir wünschen, dass gewisse Entscheidungen auf wissenschaftlichen Grundlagen und nicht auf Basis von Emotionen gefällt werden. Auch die Vorverurteilung aufgrund des abstrakten Merkmals „Betriebsgröße“ macht uns das Leben schwieriger als es sein müsste. Gerade weil wir als Genossenschaft größer sind, haben wir nämlich ganz andere Möglichkeiten gezielte Maßnahmen umzusetzen, was wir schon seit Jahren sehr engagiert und auf eigene Kosten tun.

Bis zum Jahr 2050 müssen wir mit einer Ernährung der Durchschnittstemperatur in Europa um bis zu 2 Grad rechnen. Macht das wirklich so viel aus?

Definitiv. Wir in der Landwirtschaft sind die Ersten, die die Folgen spüren. Das Klima verändert sich und wir müssen uns anpassen. Seit Jahren beobachten wir eine zunehmende Vorsommertrockenheit, die es so früher nicht gab. Das hat gravierende Folgen, denn die anhaltende Trockenheit zur Blüte führt zu Reduktionsvorgängen der Pflanzen. Das bedeutet, sie wirft Blüten und damit auch potenzielle Körner oder Schoten ab, was den späteren Ertrag mindert. Dazu kommt dann noch, die andauernde Hitze. Bei uns lagen die Temperaturen über Wochen bei 35 °C. Darunter litt der Ertrag ebenfalls. Da wir davon ausgehen müssen, dass das Wetter sich weiterhin in diese Richtung entwickelt, reduzieren wir jetzt zum Beispiel unsere Rapsanbaufläche um 80 %, müssen die Futteranbauflächen ausweiten und vor allem alternative Sorten, aber auch Kulturen suchen, die mit diesen Bedingungen besser zurechtkommen.


Gehören Landwirtschaft und Ernährung zusammen?

So wie das Huhn und das Ei. Ohne Landwirtschaft würde es keine Ernährung geben und ohne die Notwendigkeit der Ernährung keine Landwirtschaft. Das ist einfach die Grundlage des Lebens. In meinen Augen sollten die Agrar- und die ErnährungswissenschaftlerInnen auch viel enger zusammenarbeiten, denn auf unseren Äckern haben wir alle Möglichkeiten. Wir müssen nur wissen, welche wir davon nutzen sollten, um in der Ernährung einen Schritt weiterzukommen.

Wer ist dein Vorbild und wie inspiriert dich dieses Vorbild? Was schaust du dir ab?

Albrecht Daniel Thaer, der sich schon vor über 200 Jahren mit dem Humus und der Bodenfruchtbarkeit beschäftigt hat. Der Boden ist die Grundlage, mit der vernünftig und sorgsam umgegangen werden muss. Der Bodenschutz und der Humusaufbau stehen bei uns im Mittelpunkt. Wir bewirtschaften überwiegend Sandböden mit durchschnittlich 23 Bodenpunkten, die nicht gerade eine optimale Ausgangssituation bieten. Umso mehr freuen wir uns, wenn wir es schaffen, die Fruchtbarkeit und Bodengesundheit zu steigern.

Was hätten wir dich noch fragen sollen?

Vielleicht warum wir - die Agrargenossenschaft Trebbin - nicht biozertifiziert sind? Diese Frage wird mir sehr oft gestellt. Weil ich das nicht für den endgültig richtigen Weg halte. Ich kombiniere lieber die Vorteile aus dem ökologischen und konventionellen Landbau, weil ich denke, dass in diesem Spektrum irgendwo die Wahrheit liegt. Pflanzenschutzmittel sind wichtig und richtig, doch wir setzen sie so wenig wie möglich ein. Da möchte ich aber die Freiheit haben, standort- und umweltangepasst mein Mittel auswählen zu können. Im ökologischen Landbau basieren die Fungizide zum Beispiel auf Kupfer und Schwefel. Ein Schwermetall auf Acker und Pflanzen auszubringen, ist für mich nicht vertretbar. Auch der Weltklimarat empfiehlt eine nachhaltige Intensivierung der Flächen, die meiner Meinung nach wunderbar mit Ausgleichsflächen funktionieren, die wiederum im Landschaftsbild vernetzt sein sollten. Wobei wir insgesamt sowohl vom Nährstoff- als auch vom Pflanzenschutzmitteleinsatz eindeutig extensiv wirtschaften. Und eine Ökologisierung im Ackerbau kann ich auch ohne Zertifikat betreiben.

Mehr über die agt Agrargenossenschaft Trebbin eG erfahrt ihr hier: www.agt-eg.de und über Jana bei Linkedin.

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