Dr. Susanne Schuster-Gaul - Eine Ode an die Wissenschaft

Dr. Susanne Schuster-Gaul ist Forschungsgruppenleiterin an der Uni Leipzig im Bereich Kardiologie. Sie hat an der Universität von Kalifornien, San Diego (UCSD), an der University of Auckland in Neuseeland geforscht und über den im Rotwein vorkommenden Pflanzenstoff Resveratrol promoviert. Lina Samira Bahr hat im Interview mit Susanne über das Forschen und die Unterschiede der wissenschaftlichen Arbeit in Deutschland und im Ausland gesprochen.


Wie sieht eine normale Arbeitswoche für Sie aus?

Das Schöne an der Wissenschaft ist, dass nicht jede Woche gleich ist. Eine normale Arbeitswoche startet jeden Tag mit einem heißen Kaffee am Computer, bei der ich E-Mails checke. Montagnachmittag findet unser wöchentliches Lab-Meeting des kardiologischen Forschungslabors statt. Den Rest der Woche schreibe ich Paper, plane und werte Projekte und Experimente aus und schreibe Drittmittelanträge. Meine Tür steht immer offen für Fragen meiner DoktorandInnen und technischen Assistentin. Wenn sehr viel im Labor zu tun ist, dann helfe ich auch mit aus und freue mich über diese Abwechslung. Freitags machen wir immer eine interne Gruppenbesprechung, um die Ergebnisse der Woche zu besprechen und auch, was nicht geklappt hat.


Sie sind Forschungsgruppenleiterin an der Uni Leipzig und erforschen die Ursachen der Atherosklerose. Was sind dazu neueste Erkenntnisse?

Wir erforschen Ursachen und Mechanismen, die zu einer Gefäßentzündung und Gefäßverengung führen. Eine chronische Entzündung im vaskulären System trägt wesentlich zur Entwicklung einer Atherosklerose bei und kann zu Herzinfarkt führen. Man dachte über viele Jahre, dass die Atherosklerose ausschließlich durch LDL-Cholesterin und erhöhte Blutfette verursacht wird. Heute jedoch wissen wir, dass Prozesse der Immunantwort aus dem Takt geraten und zu einer chronischen Entzündung führen können. Ein wichtiges Protein der angeborenen Immunantwort ist das NLRP3-Inflammasom. Mithilfe dieser NLRP3-Inflammasome können unsere Zellen Gefahrensignale im Körper erkennen, und setzen Signalmoleküle frei, die andere Immunzellen anlocken. In meiner Gruppe untersuchen wir, wie diese Prozesse bei kardiovaskulären Erkrankungen reguliert sind und ob eine Hemmung dieses Immunkomplexes die Entwicklung der Atherosklerose verhindern kann.


Was ist das Beste an Ihrem Job?

Das Beste an meinem Job ist die wissenschaftliche Freiheit, die ich habe. Dafür braucht man das Vertrauen der ProfessorInnen und ein gutes Team im Labor. Als Arbeitsgruppenleiterin ist es mir sehr wichtig, dass mein Team gerne zur Arbeit kommt und Spaß an der Arbeit hat. Das baut den Team-Spirit auf, der langfristig sehr wichtig ist. Genau das ist es eigentlich, was mir jeden Tag Freude bereitet: Wenn ich ernsthaftes Interesse und Forschungsdrang in meinen Doktorandinnen und Doktoranden entfachen kann und wir gemeinsam in einem Projekt Hürden meistern und Ziele erreichen. Das gelingt mir sehr gut, daher würde ich mich immer wieder für diesen Job entscheiden.


Sie haben davor an der UCSD geforscht. Was war dort Ihr Schwerpunkt?

Ich habe mich nach meiner Promotion für ein Forschungsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den USA beworben und hatte durch dieses die großartige Möglichkeit zwei Jahre im Labor von Prof. Ariel Feldstein zu arbeiten. Mein Forschungsschwerpunkt war die nicht-alkoholische Fettlebererkrankung und Leberentzündung. Mein DFG-Projekt befasste sich mit der Wirkung von oxidierten Linolsäuremetaboliten auf die Leber. Ich fand heraus, dass Mäuse, die mit solchen Fettsäureoxidationsprodukten gefüttert wurden, vermehrt oxidativen Stress hatten und Schädigung der Leberzellen zeigten. Auch hier spielte das NLRP3-Inflammasom eine wichtige Rolle.


Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit als Postdoc-Forscher in den USA im Vergleich zu Deutschland?

Postdoc-WissenschaftlerInnen in den USA arbeiten im Vergleich zum Postdoc in Deutschland noch sehr viel mehr selbst im Labor. Meine Erfahrung an der UCSD war, dass es sehr viel mehr Postdocs als DoktorandInnen in der Forschung gab. Für die amerikanischen StudentInnen bzw. AbsolventInnen ist es nicht besonders attraktiv in die akademische Wissenschaft zu gehen, da es in der Industrie viel mehr Geld zu verdienen gibt - vor allem in San Diego, denn dort sind fast alle wichtigen Biotech-Firmen vertreten. Daher sind die Postdocs an der Universität vorwiegend ausländische GastwissenschaftlerInnen, die oft mit eigenen Stipendien kommen oder befristete Arbeitsverträge mit der Uni haben. Es gibt auch nur sehr wenige technische AssistentInnen in den Arbeitsgruppen. Man hat oft einen Lab-Manager, der sich um Bestellungen und ähnliches kümmert. Den Rest der Laborarbeit inkl. Tierversuche werden von Postdocs selbst übernommen. Man lernt seine Projekte gut zu planen und zu strukturieren, da man neben der Laborarbeit auch Paper schreiben muss. Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt und will die Zeit nicht missen. Mein Mann und ich hatten eine unglaublich schöne Zeit in Kalifornien und haben noch viele Freunde in San Diego.


Sie waren auch an der Universität in Auckland Neuseeland, was haben Sie dort gemacht?

Nach meinem Studium der Ernährungswissenschaft war ich für 6 Monate in Neuseeland für ein Postgraduiertenstudium. Auch das habe ich mir alleine organisiert und geplant. Eine Finanzierung dafür hatte ich nicht. Ich habe viel angespart und meine Eltern haben mir diesen Traum mit unterstützt. Ich habe dort an der University of Auckland einige Kurse in Biomedical Science belegt. Das war eine großartige Erfahrung. Ich war von der Betreuung der StudentInnen und den Seminaren an der Universität begeistert. Es wurde sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung der Studenten und Studentinnen gelegt. Natürlich habe ich auch hier die Möglichkeit genutzt das Land zu erkunden und zu reisen.


Sind Auslandsaufenthalte für junge Forscherinnen und Forscher wichtig?

Ich denke, für die akademische Laufbahn ist ein Auslandsaufenthalt obligatorisch geworden. Es ist nicht nur für die wissenschaftliche Ausbildung von großer Bedeutung, sondern auch für die Persönlichkeitsentwicklung. Der Umgang mit internationalen WissenschaftlerInnen und das Verlassen der eigenen Komfortzone stärkt den Charakter.


Sie haben initial Ernährungswissenschaften im Diplom studiert. Würden Sie es nochmal studieren?

Ja, das Studium hat mir gefallen. Damals wusste ich jedoch noch nicht so richtig, was ich danach machen wollte. Daher bin ich auch erstmal ins Ausland gegangen. Das Interesse für das Experimentelle habe ich erst während der Promotion entwickelt und nicht im Studium.


Was sind in Ihren Augen die Vor- und Nachteile beim Promovieren?

Die Vorteile des Promovierens sind zum einen, dass man sich voll und ganz einem Forschungsprojekt widmen kann. Dazu gehört aber auch das Scheitern, da man daraus am meisten lernt. Man muss aber auch Ausdauer haben, Dinge zu Ende zu bringen und man muss sich alleine motivieren können. Da man als DoktorandIn oft Vollzeit arbeitet, aber nur 50-65% Gehalt bekommt, sollte man Spaß an der Arbeit und an dem Projekt haben. Aber wissenschaftlicher Ehrgeiz und Durchhaltevermögen sind wohl die wichtigsten Eigenschaften.


Was halten Sie für die größten Hürden in der Wissenschaft?

Die größten Hürden sind die langfristige Planbarkeit des Jobs. Viele Stellen in der akademischen Wissenschaft sind zeitlich befristet. Um erfolgreich zu sein, muss man sich unabhängig machen. Das bedeutet, man braucht viele Drittmittel. Ich würde mir wünschen, dass irgendwann der Beruf der WissenschaftlerInnen bzw. der wissenschaftlichen ProjektmanagerInnen als "normaler" Job anerkannt wird und unbefristete Stellen geschaffen werden. In der akademischen Laufbahn muss man nach dem Postdoc die Habilitation anstreben, um später einmal einer Berufung zu folgen. Ich finde, es sollte auch die Möglichkeit geben, ohne Professur langfristig erfolgreich an der Universität zu arbeiten.


Warum entscheiden sich so wenige ErnährungswissenschaftlerInnen für eine Karriere in der Forschung?

Ich glaube, dass diese unsichere, nicht-planbare Zukunft in der universitären Forschung nicht sehr attraktiv ist. In der Industrie hingegen, sind ErnährungswissenschaftlerInnen immer stärker gefragt.


Warum ist die Ernährungswissenschaft so ein spannendes Zukunftsfeld?

Das Fachgebiet der Ernährungswissenschaft ist so wichtig wie nie. Wir haben eine Unmenge an Zivilisationskrankheiten, die aufgrund falscher Ernährung entstehen. Nur durch Forschung und Wissenschaft wissen wir heute so viel über die verschiedenen Nährstoffe und Lebensmittel, die uns schaden und Krankheiten fördern. Aber nicht nur ernährungsbedingte Krankheiten sind eine Herausforderung. Ernährungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind wichtiger denn je, da die Ressourcen der Welt schnell aufgebraucht werden. Wir müssen neue Nährstoffquellen erschließen (z. B. Insekten als neue Proteinquelle) und neue, nachhaltige Ernährungskonzepte entwickeln. Da wird es noch viel Arbeit für ErnährungswissenschaftlerInnen geben.


Wer mehr über Dr. Susanne Schuster-Gaul erfahren möchte, findet Sie auf LinkedIn.

Dieses Interview wurde geführt von Lina Samira Bahr.

Lina promoviert selbst zu Ketogener Ernährung bei MS an der Berliner Charité und hat zuvor Ernährungswissenschaften studiert. Neben der Ernährungsmedizin, liebt sie es zu reisen, zu fotografieren und orientalischen Tanz um sich fit zu halten.


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