Ernährung und ökologischer Fußabdruck: Essen als Chance für die Zukunft

Mitte August 2021 hat der Weltklimarat IPCC seinen neuen Bericht vorgestellt: Hitzewellen, Trockenheit, Starkregen und der Anstieg des Meeresspiegels gefährden erheblich die Nahrungsmittelproduktion und bringen zunehmend Gesundheitsrisiken mit sich. Durch die Art wie wir uns ernähren, hat jede und jeder von uns die Chance einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Worum geht es beim Klimaschutz - um CO2-Emissionen, Landnutzung oder Wasserverbrauch? Und welche Entscheidungen, die wir beim täglichen Essen treffen bringen tatsächlich etwas? Dr. Markus Keller, Deutschlands führender Experte für nachhaltige Ernährung und Dr. Laura M. König, Expertin für Essverhalten, gaben beim Online-Event am 2. September 2021 Antworten und Anstöße, wie wir mit alltäglichen Verhaltensweisen viel bewirken können. Vorab haben wir uns mit dem Thema beschäftigt - denn wo fangen wir als Expert*innen in der Aufklärung an?

Poster für Online Event: Ernährung und ökologischer Fußabdruck: Essen als Chance für die Zukunft

Die Sustainable Development Goals - Der Plan der Welt für die Zukunft

Laut einer PwC-Studie aus dem Jahr 2020 sind die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ernährungsbranche bereits jetzt sichtbar: Im Dürresommer 2018 sank der landwirtschaftliche Ertrag für Getreide pro Hektar in Deutschland um 16 Prozent im Vergleich zum Drei-Jahres-Durchschnitt der vergangenen Jahre. Seit 2015 gelten die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (englisch: Sustainable Development Goals, SDGs) der vereinten Nationen, um solchen Szenarien zuvorzukommen und die Zukunft ökonomisch, sozial sowie ökologisch nachhaltig zu gestalten.


Für die Ernährungsbranche wurden die FAO und WHO 2019 mit dem Begriff der "Sustainable Healthy Diets" noch konkreter: Sustainable Healthy Diets sind eine Ernährungsweisen, die geringe Umweltauswirkungen haben und uns gesund halten. Laut wissenschaftlichem Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichem Verbraucherschutz beim BMEL umfasst nachhaltige(re) Ernährung vier Zieldimensionen: Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl.


Definition Sustainable Healthy Diets: Ernährungsweise mit geringen Umweltauswirkungen, die zur Ernährungssicherheit und zum gesunden Leben heutiger und künftiger Generationen beiträgt. Nachhaltige Ernährung schützt und respektiert die biologische Vielfalt und die Ökosysteme, ist kulturell akzeptabel, zugänglich, wirtschaftlich fair und erschwinglich, ernährungsphysiologisch angemessen, sicher und gesund und optimiert gleichzeitig die natürlichen und menschlichen Ressourcen (FAO/WHO, 2019).


Einfach klingt das nicht, doch wer, wenn nicht Ernährungsexpert*innen, sollten diese Veränderung des Essverhaltens mit umfassendem Wissen und Tipps begleiten?


Ökologischer Fußabdruck oder CO2-Äquivalente – Bedeutung und Unterschiede?

Der ökologische Fußabdruck ist einfach gesagt ein Indikator, der beschreibt, wie viel Fläche in Hektar auf der Erde notwendig ist, um den aktuellen Lebensstil der Bevölkerung dauerhaft zu ermöglichen. Neben den eigenen CO2-Emissionen berücksichtigt der ökologische Fußabdruck auch die Produktion und die Entsorgung für alles, was wir kaufen.


Definition Ökologische Fußabdruck: Indikator⁠ für die Nutzung der biologischen Kapazität und Regenerationsfähigkeit und für die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt


Der CO2-Fußabdruck ist ein Teil des ökologischen Fußabdrucks und gibt die Menge von Treibhausgasen an, die durch eine Aktivität, einen Prozess oder eine Handlung freigesetzt werden. CO2 wiederum ist eines von sieben Gasen, die den Treibhausgas-Effekt maßgeblich bestimmen. Die Gesamtemissionen teilen sich prozentual so auf:

CO2 dient dabei als Referenzwert. Die Emissionen der anderen Gase werden in CO2-Äquivalente umgerechnet, so dass damit das Erwärmungspotential eines Gases im Verhältnis zu CO2 ausgedrückt wird.


Der ökologische Fußabdruck umfasst neben den Auswirkungen auf das Klima auch die Landnutzung und den Wasserverbrauch. 2021 markiert der 29 Juli den Tag, seitdem weltweit mehr natürliche Ressourcen verbraucht werden als nachwachsen können. “Würden die Ressourcen der Erde zu gleichen Anteilen auf alle Länder gemäß der Zahl ihrer Einwohnerinnen und Einwohner verteilt, hätte Deutschland seinen Anteil im Jahr 2021 bereits Anfang Mai aufgebraucht, so Berechnungen des Global Footprint Network. Ab jetzt leben die Deutschen demnach auf Kosten anderer Länder bzw. auf Kosten zukünftiger Generationen”, sagt Martin Ittershagen, Pressesprecher des Umweltbundesamtes.


Die größten Hebel zu mehr Gesundheit und Nachhaltigkeit? Weniger tierische Lebensmittel essen und weniger wegwerfen.

Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichem Verbraucherschutz beim BMEL geht davon aus, dass gut 25 Prozent aller klimawirksamen Emissionen in Deutschland bei der Herstellung, Vermarktung und Zubereitung von Lebensmitteln entstehen. Tierische Produkte haben mit 58 % einen besonders hohen Anteil an den Treibhausgasemissionen. Die Planetary Health Diet der Eat-Lancet-Kommission empfiehlt max. 100 g Rind- oder Lammfleisch pro Woche und 250 g Milch oder Produkte in Form von Milch-Äquivalenten pro Tag, um die Gesundheit der Menschen sowie des Planeten nachhaltig zu schützen. Im Vergleich dazu: Die DGE empfiehlt 300 g Fleisch oder Wurst pro Woche. Tatsächlich wird in Deutschland 840 g Fleisch und Wurst pro Woche verzehrt. Fazit: Für unsere Gesundheit und den Planeten ist das viel zu viel.

Pflanzenbasierte Ernährungsweise auf dem Vormarsch

In der neuen Studie des Potsdam Institutes für Klimafolgenforschung wird eine gezielte Strategie vorgestellt, die die Menschen vor dem Klimawandel schützt und gleichzeitig große Fortschritte in Richtung der SDGs macht. Dazu wurden verschiedene Handlungsfelder untersucht, u. a. auch die Ernährung: "Eine Umstellung unserer Ernährungsgewohnheiten hin zu weniger tierischem Eiweiß, hat weitreichende positive Effekte", erklärt PIK-Wissenschaftlerin und Co-Autorin Isabelle Weindl. "Die 'Planetary Health'-Ernährung ist ernährungsphysiologisch ausgewogen, reduziert vor allem die Menge an tierischen Lebensmitteln und ist damit deutlich gesünder als die durchschnittliche Ernährung in Industrieländern. Außerdem würde die Nahrungsmittelproduktion viel weniger Landfläche, Wasser und Dünger benötigen sowie weniger Treibhausgase erzeugen als bei einer Ernährung mit einem hohen Anteil an Fleisch oder Milchprodukten. Eine Umstellung unserer Ernährungsgewohnheiten trägt also entscheidend zum Schutz des Klimas und unserer Ökosysteme bei."


Lebensmittelverschwendung stoppen

Es wird geschätzt, dass 8 bis 10 % der globalen Treibhausgasemissionen auf Lebensmittelverschwendung zurückzuführen sind, davon über 50 % bei jeder und jedem von uns im Privathaushalt. Wie Ernährungsstil und Lebensmittelverschwendung bezogen auf die Umweltauswirkungen zusammenhängen, hat Hanna Helander von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg untersucht. Das Forschungsteam analysierte die Auswirkungen von drei Ernährungsstilen auf die Biomasse-, Ackerland- und Blauwasser-Fußabdrücke: 1. Die Ernährungsweise nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, 2. die Ernährungsweise nach der EAT-Lancet-Kommission und 3. die vegetarische Variante der EAT-Lancet-Ernährungsweise. Das Ergebnis: Eine milcharme, vegetarische Ernährung ist besonders effektiv, um den Biomasse- und den Ackerland-Fußabdruck zu verringern. Gleichzeitig ist der Einfluss auf das blaue Wasser nur gering, da eine pflanzenbasierte Ernährung trotz verringerter Fußabdrücke zu mehr Lebensmittelabfällen führen kann. “Um diesen Verbrauch zu senken, wäre es hilfreicher, Lebensmittelabfälle zu reduzieren“, sagt Helander.


Wie kommen wir ins Handeln?

Das Interesse am Thema ist da: Konsument*innen achten beim Thema Ernährung immer stärker auf die Auswirkungen auf ihre Gesundheit und auf die des Planeten. Laut BMEL-Ernährungsreport muss für 91 % der Befragten Essen gesund sein und 54 % kaufen aus Klima- und Umweltgründen vegetarische oder vegane Alternativen zu tierischen Produkten. 47 % der Befragten kaufen pflanzliche Alternativen auch aus Gründen der Gesundheit. Doch, wie kommen wir nun zu einer Verhaltensänderung im täglichen Leben? Geschmack, persönliche und kulturelle Präferenzen und das soziale Umfeld beeinflussen sehr stark unsere Lebensmittelauswahl. Auch wenn wir wissen, was für uns und den Planeten gut ist, handeln wir in der Realität anders. Apps helfen bereits vielen Menschen bei Verhaltensänderungen. Wenn wir es schaffen, dass diese großflächig Akzeptanz und Anwendung finden, kommen wir schneller ins Handeln und retten unseren Planeten. Let's do it!

Eine Zusammenfassung zum Online-Event in Kooperation mit Alpro und der Alpro-Foundation "Ernährung und ökologischer Fußabdruck: Essen als Chance für die Zukunft" gibt es hier. Der oben stehende Artikel wurde verfasst von Dr. Simone K. Frey, Gründerin NUTRITION HUB.