Pflanzenforscher David Spencer über Bambuszahnbürsten und Gentechnik

Pflanzenforschung, ein Wissenschaftsgebiet, das vielen von uns wohl erst beim zweiten Nachdenken einfällt, wenn es um das geht, was jede/r von uns tagtäglich auf dem Teller liegen hat. David Spencer ist Doktorand im Bereich Pflanzenforschung und betreibt mit seinem Freund Caspar Langenbach den Podcast "Krautnah". Wie David mit seiner Forschung und dem Podcast zu unser aller reich gedeckten Tischen – jetzt und in Zukunft – beiträgt, lest ihr in diesem Interview.


Lieber David, wir sind gespannt mehr über deine Arbeit zu erfahren. Was ist dein Hintergrund und woran arbeitest du derzeit?

Ich bin immer froh, wenn ich aus der Welt der Wissenschaft berichten darf. Ich bin David Spencer, (noch) 29 Jahre jung und Doktorand am Institut für Pflanzenphysiologie der RWTH Aachen. In meiner Forschung versuche ich zu verstehen, wie sich Kulturpflanzen – also auch die, die unser Obst und Gemüse produzieren – gegen Krankheiten verteidigen. Noch genauer gesagt: In meiner Promotion geht es um Pilzkrankheiten auf Sojabohnen, die für enorme Ernteausfälle sorgen.


Was begeistert dich an deinem Fachbereich und warum glaubst du, braucht die Welt Expert*innen wie dich?

Mich fasziniert die belebte Natur und die Tatsache, dass die Evolution schon die perfekten Vorbilder für aktuelle Forschungsthemen hervorgebracht hat: Wir können medizinische Wirkstoffe, biologische Schädlingsmittel, abbaubare Textilfasern und nachhaltigere Kraftstoffe im Wald finden – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dieses natürliche Vorbild nutzen wir, um auch Landwirtschaft neu zu denken. In meiner Arbeit nutze ich die teils sehr abgefahrenen, kontroversen Methoden der Genforschung, um diese Superkräfte der Natur nutzbar machen zu können. Ich hoffe damit dazu beitragen zu können, dass auch zukünftige Generationen gesunde und vielfältige Lebensmittel auf ihren Tellern haben werden.


"Ich hoffe, dazu beitragen zu können, dass auch zukünftige Generationen gesunde und vielfältige Lebensmittel auf ihren Tellern haben werden."David Spencer


Welches war bisher dein spannendstes Projekt?

Wir haben herausgefunden, dass man Sonnenblumen mit Wasser abspülen und das „Waschwasser“ zur Hemmung von Pilzkrankheiten nutzen kann. Ich bin sehr gespannt, wohin dieses Projekt führt! Wir haben sowohl Pflanzeninhaltsstoffe (sog. Cumarine) als auch Proteine im Verdacht, für diesen Effekt verantwortlich zu sein. Daraus könnte sich in Zukunft eine Art natürliches Spritzmittel aus Ernteabfällen entwickeln – super aufregend! Da wir zusehen müssen, dass wir den Gebrauch von chemischen Pflanzenschutzmitteln auf ein Minimum reduzieren, wäre so ein Ansatz wirklich erstrebenswert.


Gemeinsam mit dem Abteilungsleiter des Instituts Pflanzenbiologie der RWTH, Caspar Langenbach, betreibst du den Podcast „Krautnah“. Wie seid ihr dazu gekommen und worum geht es?

Unser Pflanzen-Podcast wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und hat das Ziel, unsere Forschungsthemen für alle greifbarer zu machen. Als einer der Gewinner des Hochschulwettbewerbs (ausgeschrieben von BMBF und Wissenschaft im Dialog) sind wir seit Ende März 2020 auf Sendung und haben zuletzt eine Advents-Reihe produziert. Zusammen mit Expert*innen aus Landwirtschaft, Ernährung, Wissenschaft und Politik bequatschen wir in lockerer Atmosphäre Themen, die uns begeistern – von Urban Gardening bis hin zu komplizierten Methoden der Molekularbiologie.


Was wollt ihr mit eurem Podcast erreichen und wen sprecht ihr damit an?

Uns ist es sehr wichtig, dass nicht nur ein Bewusstsein für die Chancen und Probleme in der Lebensmittelproduktion entsteht, sondern auch Wissenschaft wieder an Vertrauen gewinnt und eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung aufgebaut wird. Wem nützt eine Forschung, die niemand versteht? Wem nützt ein Verfahren, das eher abgelehnt wird? Ich glaube, dass wir viel zu lange den Dialog mit der Gesellschaft vernachlässigt haben. Unser Podcast setzt hier an und richtet sich vor allem an junge, interessierte Menschen in Deutschland.


"Wenn wir akzeptieren können, dass Landwirtschaft immer eine Art Eingriff in die Natur ist, kann innovative Technologie – verantwortungsvoll eingesetzt – nur förderlich sein. Aber sind wir bereit dafür?" David Spencer


Wenn ihr eine Folge mit dem Titel: Und täglich grüßt das Mythosmus“ aufnehmen würdet, um welche Mythen zum Thema Pflanzenforschung würde es gehen?

Oh, es gibt viele Mythen und Legenden aus der Forschung, die man da nutzen könnte. Nicht alles was „natürlich“ ist, ist auch „gesund“ – die allermeisten Pflanzen da draußen sind tatsächlich in ihrer wilden Form ungenießbar. Und das hat auch seine Gründe, wie z.B. Schutz vor Fressfeinden. Der Mythos, mit dem ich allerdings am häufigsten zu tun habe, betrifft die Grüne Gentechnik. Viele Menschen wissen nicht, wie viel wir schon im Genom von Apfel, Paprika und Kürbis herumgespielt haben – und auch hier muss ich sagen: zum Glück! Die Vielfalt der Farben und Geschmacksrichtungen auf unseren Tellern ist ein Produkt von jahrhundertelanger Züchtung. Die modernen Methoden sind bloß ein weiteres Werkzeug, um Pflanzen noch besser auf unsere Bedürfnisse und die veränderten Umweltbedingungen auszurichten. Wenn wir akzeptieren können, dass Landwirtschaft immer eine Art Eingriff in die Natur ist, kann innovative Technologie – verantwortungsvoll eingesetzt – nur förderlich sein. Aber sind wir bereit dafür?


Die pflanzenbasierte Ernährung ist ein Trend der zukünftig „in aller Munde“ sein wird und muss – welche Chance siehst du in deiner Arbeit diesen Trend weiter zu fördern bzw. Aufklärung zu leisten?

Ganz klar: Die Wertschöpfungskette von tierischen Lebensmitteln – aber auch von pflanzlichen Produkten (!) – muss in den Köpfen der Menschen so präsent sein wie das kleine Einmaleins. Der größte Teil unserer Ackerfläche geht für Tierfutter drauf, und die Fleischproduktion trägt nicht unwesentlich zur Bildung klimaschädlicher Gase bei. Die Niedrigpreise für tierische Produkte zeigen, was ich eben angedeutet habe: Die Wertschätzung für landwirtschaftliche Erzeugnisse ist so gering wie nie. Durch meine Arbeit in der Wissenschaftskommunikation hoffe ich, eine bewusste oder unbewusste Neugierde für diese Themen zu wecken: Woher kommt mein Essen? „Reicht“ es, (fast) rein vegetarisch zu leben? Oder haben auch mein Avocado-Brot und mein Mango-Smoothie ebenso negative Auswirkungen auf den Planeten wie die Erdbeeren im Winter?


Du hast einmal gesagt „Vom Teller kommt man schnell zu unseren Themen“ – zur Pflanzenforschung. Wo siehst du eine Verknüpfung zwischen Ernährungsexpert*innen und deiner Arbeit und gibt es Themen oder Bereiche, in denen du dir zukünftig Austausch mit Ernährungsexpert*innen wünschst?

Die Verknüpfung beginnt mit der eben erwähnten Frage: Wo kommt mein Essen her? Mit der Farm-to-Fork-Strategie will die EU in den nächsten 10 Jahren unsere Lebensmittelsysteme nachhaltiger, fairer und regionaler gestalten. Die Expertise von Ernährungswissenschaftler*innen wird unschätzbar wertvoll sein, wenn es z.B. darum geht, Ersatz- oder Alternativprodukte aufzuzeigen: Wenn wir es auf lange Sicht ernst meinen mit der pflanzenbasierten Ernährung (was ich sehr hoffe), dann brauchen wir kreative Lösungen. Und vielleicht muss man auch mal alte (Ess-)Gewohnheiten über den Haufen werfen und etwas ganz Neues ausprobieren.


Nun noch ein Exkurs ins Jahr 2030 – wie sieht die Welt aus deiner Sicht in 10 Jahren aus? Welche Rolle nimmst du als Experte für Pflanzen ein, welche Produkte entwickeln sich, was passiert mit und um deinen Fachbereich?

Im Jahre 2030 wird Lebensmittelproduktion (plus die Wissenschaft dahinter) ein integraler Teil unserer Bildung und unseres Alltags sein. Gemeinsam haben wir uns darauf geeinigt, dass Innovation und technologischer Fortschritt – das hat uns

die Coronakrise gezeigt – wertvolle Begleiter sind, um ganz bald klimaneutral Landwirtschaft zu betreiben. Wir essen zunehmend Burger aus Hülsenfrüchten (Kichererbse und Lupine werden mittlerweile als heimische Gewächse gut angenommen) und die, die es nicht lassen können, essen Insekten-Burger oder Steaks aus in vitro-Fleisch. Mein Team und ich zeigen im Rahmen von Schulbesuchen und Workshops die faszinierende und bunte Welt der Pflanzenzüchtung auf.


Wenn du nun zum Schluss einen schmissigen Satz zum Thema Pflanzenforschung loswerden dürftest, welcher wäre das?

Das schönste an der Pflanzenforschung ist, dass man gleichzeitig ein langhaariger Öko mit Bambuszahnbürste und ein Genforscher sein kann – das geht besser zusammen als man denkt!

Wer jetzt gerne mehr von David zu seiner Forschung erfahren möchte, kann sich über LinkedIn mit ihm vernetzen. Und hier lang geht es seinem Podcast "Krautnah". Dieses Interview wurde geführt von Lisa Bosbach. Lisa ist Ökotrophologin und visuelle Wissenschaftskommunikatorin.