Süchtig nach Schokolade und Chips – Reality vs. Mythos


Author:Carolin Hauck

Fast jeder kennt es: Ich öffne eine Packung Chips mit dem Vorsatz, nur einige davon zu essen. Am Ende ist die Packung leer und mein Bauch voll. Wiederverschließbare Schokolade? Nette Idee, kappt bei mir nie. Doch woher kommt dieses Phänomen? Hat es etwas mit Sucht zu tun? Gibt es überhaupt eine Ess-Sucht?

Im Alltag wird eine Ess-Sucht im Sinne eines „erheblichen Verlangens nach (bestimmten) Lebensmitteln“ in Kombination mit einem aktiven danach „suchen“ verstanden (z.B. Schokoladensucht). In der Wissenschaft werden Suchterkrankungen spezifisch nach bestimmten Kriterien definiert und klassifiziert (z.B. Alkohol-, Cannabisgebrauchsstörung). Im Moment gibt es noch zu wenige Forschungsergebnisse, um die Ess-Sucht wissenschaftlich klassifizieren zu können. Das ist genau der Grund, warum wir daran forschen.

Einiges haben wir bereits herausgefunden: Zum Beispiel, dass es im Gehirn ein Belohnungszentrum gibt, das nach Lebensmittelkonsum ähnliche Reaktionen zeigt wie nach Drogenkonsum*. Und Ratten zeigen vergleichbare Verhaltensweisen wie nach Drogenentzug, wenn man diesen zeitweilig Zucker entzog. Seit 2009 nutzen wir Fragebogenstudien, um das menschliche Essverhalten auf suchtartige Reaktionen zu untersuchen. Dabei haben wir herausgefunden, dass 8 % aller Deutschen eine Ess-Sucht aufweisen. Höhere Prävalenzen von 17 % wurden bei Personen mit Adipositas, und von 15 % bei Untergewichtigen gefunden. So steigt die Wahrscheinlichkeit an, eine Ess-Sucht zu erleiden, bei höherem BMI, bei strenger/rigider Kontrolle der Nahrungsaufnahme, bei erhöhter Anzahl an Heißhunger-Attacken und bei schlechter mentaler Verfassung der Person. In einer unserer Untersuchungen an Sportlern konnten wir bei 6 % der Befragten eine Ess-Sucht finden. Diese Personengruppe untersuchten wir, um herauszufinden, warum auch normal- und untergewichtige Personen eine Ess-Sucht aufweisen könnten, und welche Parameter dabei eine Rolle spielen. Eine Ess-Sucht bei Sportlern wird wahrscheinlicher, wenn negativer Perfektionismus und eine Sportsuchtgefährdung vorliegen.

Was uns bis jetzt noch unklar ist: Welche Substanz, oder welche Kombination verschiedener Inhaltsstoffe, lösen möglicherweise eine Ess-Sucht aus? Handelt es sich vielleicht auch eher um eine Verhaltenssucht als um eine Substanzabhängigkeit? All diese Fragen haben Auswirkungen auf die Prävention und Therapie. Bis heute ist auch noch nicht klar, ob das Konzept einer Ess-Sucht zu einer weiteren Verschlechterung der Symptomatik und einer Stigmatisierung der Personen beiträgt, oder ob das Konzept helfen kann, die Betroffenen besser zu therapieren. Die Frage nach einer Überschneidung mit bereits etablierten Essstörungen wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder Binge Eating disorder stellt sich, und muss in Zukunft weiter untersucht werden. Bei den klassischen Essstörungen liegt ein pathologisches Essverhalten vor und das Kriterium Leiden spielt eine entscheidende Rolle, dies sind ebenso Symptome der Ess-Sucht. Alles in allem also noch viel zu erforschen.

Was kann man nun gegen so eine Ess-Sucht tun? Die Forschung zeigt, dass Personen mit einem BMI von 18,5 bis max. 30, einem flexiblem Essverhalten ohne zu strenge Essens-Regeln, guter mentaler Verfassung, wenigen oder keinen Heißhungerattacken und positiven Anforderungen an sich selbst, eher nicht von einer Ess-Sucht betroffen sind.

* Hier geht es primär um Reaktionen im Gehirn, also das mesolimbische System (= auch Belohnungssystem genannt), hier agiert der Neurotransmitter Dopamin. Auch Opioide und Acetylcholin könnten eine Rolle spielen. Neueste Forschung geht davon aus, dass eine Kombination aus high-fat, high-sugar (+ evtl high-salt) diese Reaktionen auslösen könnte, da es in der Natur keine solchen highly-palatable und hochverarbeitete Lebensmittel gibt. Mehr kann man auch hier lesen: http://europepmc.org/articles/PMC4361030

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